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Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
Sich einander zumuten und aushalten

Foto: ParinApril - stock.adobe.com

Um die 40 Menschen sitzen in einem Stuhlkreis. Auf einer Pinnwand steht: "Wie geht es mir mit den Ergebnissen der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt?" Eine Teilnehmerin trägt Barfußschuhe, ein anderer ein ganz klassisches Hemd.

Von Nikolas Ender

An diesem Abend sind in Lutherstadt Wittenberg Menschen zusammengekommen, um sich über ihre Gefühle nach den Wahlen auszutauschen. Das Format heißt "Sprechen und Zuhören", veranstaltet von der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt. Projektleiter Fabian Kursawe erklärt: "Es gibt drei Runden. Jeder kann jeweils für vier Minuten seine Eindrücke teilen, und die anderen hören zu."

Die Einladung richtet sich explizit an alle, unabhängig von ihrer politischen Anschauung. Bevor es losgeht, stellt Kursawe eine Frage: "Wie oft beschäftigen Sie sich auch sonst in ihrem Alltag mit Landespolitik?" Wer das tut, soll weit in die Mitte des Raumes gehen; wer nicht, an seinem Platz bleiben. Ein Mann, der im Stadtrat ist, tritt weit in die Mitte. Er weist im Laufe des Abends mehrfach darauf hin, dass auch der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund immer wieder für Dialog werbe.

In der Mitte steht auch der Direktor der Evangelischen Akademie, Christoph Maier. Er warnt davor, dass eine AfD-Regierung den Geldhahn auch für dieses Zuhörformat abstellen könnte.

Die Gespräche bleiben vertraulich

Dann kommt die zweite Aufwärmfrage: "Wie fühlen Sie sich? Eher ruhig, dann stellen Sie sich bitte ganz links hin; wenn Sie sehr besorgt sind, dann ganz rechts", so Kursawe. "Wir sind jetzt ein Naziland", sagt eine Frau, die ganz rechts steht. "Ich bin überzeugt, dass wir eine gefestigte Demokratie sind", erklärt ein anderer Mann. "Aber große Sorgen machen mir die Wahlergebnisse dennoch."

Kursawe erklärt: "Wenn ihr gleich in die Zuhörrunden geht, beachtet bitte ein paar Regeln. Wir sprechen über unsere Gefühle und vermeiden zu analysieren und zu kommentieren." Es gehe um die "Achtung vor der anderen Perspektive", um "Selbstbeobachtung", um das "Hören" und "Erkunden".

Mehrere Vierergruppen verteilen sich über die Akademie, ein kleines Klingelzeichen ertönt; die vier Minuten laufen. Im ersten Moment fühlt es sich für Einzelne ungewohnt an, mit fremden Menschen über die Gefühle zu den Landtagswahlen zu sprechen. Doch mit der Zeit wächst Vertrauen. Es stellt sich heraus, dass es ähnliche Sorgen sind, die die Teilnehmer in der Runde beschäftigen. Die Biografien aber sind ganz unterschiedlich. Der Inhalt bleibt vertraulich.

"Ich bin gelassen", sagt ein Mann aus Wittenberg über seine Gefühle nach der Wahl. Er sei kein AfD-Unterstützer; aber er verstehe, wieso viele Menschen in Sachsen-Anhalt die Partei gewählt haben. "Vor dem Supermarkt liegt ein großer Müllberg", sagt er; dazu die langen Bauzeiten für Straßen und Brücken. "Das gab es früher nicht."

"Ich saß mit einer Frau zusammen, die ich schon kannte und nicht sympathisch fand", sagt eine Frau. "Aber nach den Runden war sie mir sehr sympathisch", erzählt sie und lacht. Sie habe den Eindruck, dass ihr durch das Zuhören neue Dinge über sie bewusst wurden. "Wir sollten das in der Gesellschaft wieder mehr praktizieren."
"Bei dem Format geht es um eine wichtige Haltung", sagt Kursleiter Kursawe. "Es geht darum, sich Menschen mit anderen Meinungen auszusetzen, auch mit einer gewissen Neugier." Ziel sei, wieder den Menschen hinter der Meinung zu sehen und sich so neu zu begegnen.

"Ich würde gern mehr mit Menschen sprechen, die meiner Meinung entgegenstehen", sagt ein Mann am Ende. Bleibt abzuwarten, ob solche Dialogformate unter einer AfD-Landesregierung noch existieren, wenn sie die angedrohte Streichung der Landesförderung für die Akademie umsetzt.

(kna)

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Online-Redaktion

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