TV-Reportage über Ostdeutschland
Bleiben oder gehen?
- Foto: epd-bild/Christian Ditsch
- hochgeladen von Online-Redaktion
Ostdeutsch ist gerade à la mode. Natürlich auch wegen der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und in Berlin, aber das Interesse daran geht über die Wahltermine und die AfD-Erfolge hinaus. Ja, der Osten Deutschlands entdeckt sich neu - als Erinnerungs-, als Gegenwarts-, als Anders-als-der-Westen-Raum.
Von Joachim Huber
Da kommt diese Ausgabe von "37 Grad Leben" gerade recht: "Being Ostdeutsch" (25. September im ZDF-Streaming, 27. September, 9.03 Uhr im ZDF). Der Film von Angela Giese rückt zwei Frauen ins Zentrum, die die DDR nie selbst erlebt haben. Siska, 27 Jahre alt und aus einem kleinen Dorf im Westerzgebirge stammend, und Hang, 33, geboren in Radebeul.
Siska fühlt sich "ein bisschen zerrissen" zwischen ihrer Heimat und ihrem Studienort Freiburg. Im Dorf kann sie sich "entspannen", sagt sie. Zugleich beschäftigt sie sich immer häufiger mehr mit ihrer Herkunft - und damit auch mit der Frage: im Dorf bleiben, wie die wenigsten aus ihrem Freundeskreis, oder gehen, wie es die meisten getan haben?
Omnipräsente Geschichte
Sie arbeitet in Berlin als studentische Hilfskraft, ist Mitglied einer Theatergruppe, lebt ihre Tanzleidenschaft da und dort aus. In Berlin, sagt sie im "Tränenpalast" sitzend, sei die deutsche Geschichte omnipräsent, trotzdem würden ostdeutsche Lebensgeschichten marginalisiert. Dagegen möchte sie angehen, Ostdeutschland im Westen sichtbar machen. "Der Osten ist gut", stellt sie fest. Zur AfD bemerkt sie nur, dass nicht miteinander reden keine Lösung sei.
Die 27-Jährige nimmt keine Opferhaltung ein, sie beschreibt ihr Leben als "bunt und international". "Ich habe starke Wurzeln, aber auch starke Flügel." Wohin es sie treiben wird? Mal sehen.
Die zweite Protagonistin in den knapp 30 Minuten ist Hang. Sie nennt Dresden ihre Heimat, dort ist sie aufgewachsen, dort arbeitet sie als Fremdsprachenlehrerin. Sie ist die Tochter zweier vietnamesischer Vertragsarbeiter, rund 60.000 lebten in der DDR.
Schwebezustand hält an
Lange prägte sie ein unerträgliches Gefühl des Verlassenseins. Sie wusste nicht, wer sie ist: Deutsche, Vietnamesin oder Viet-Deutsche? Der Schwebezustand scheint anzuhalten, jedenfalls hat sie früh gegen das gängige Familien- und Frauenbild rebelliert. Selbständig und selbstbewusst sein, ohne altes Rollendenken, ohne Unterordnung der Frau unter den Mann. Sie wollte sich nicht wegducken, wie es ihre Eltern aus Selbstschutz getan haben. Ihr wurde eingetrichtert, sie müsse besser sein als die Deutschen.
Hang fährt nach Radebeul, wo ihre Eltern in einer heute nicht mehr existierenden VEB-Schuhfabrik arbeiteten. Ihre Mutter sollte sie begleiten, der Vater lebt nicht mehr, doch die Mutter wollte nicht. Über solche Erlebnisse lernt sie ihre Mutter neu kennen, sagt sie. Und sie sagt: "Mein Leben ist gut - und hier in Dresden."
Blättern im Familienalbum
Wie bei Siska wird ein bisschen im Familienalbum geblättert, um die Herkunft zu illustrieren. Das ist auch notwendig, denn der Film kämpft stellenweise um sinnfällige Bebilderung, wenn Siska und Hang wieder und wieder durch die Straßen streifen. Regisseurin Angela Giese traut sich jedenfalls zu, das Thema mit nur zwei unterschiedlichen Biografien zu bearbeiten. Das verleiht dem Beitrag individuelle Tiefe, wenn auch die Frage nach der Repräsentativität unbeantwortet bleibt.
Damit wird die wahre Stärke von "Being Ostdeutsch" nicht zugedeckt. In dem Film mit geglückter Deutsch-Pop-Begleitung steckt die direkte Aufforderung drin, einander zuzuhören. Erfahren zu wollen, was Leben in Ostdeutschland ausmacht, wie die Vergangenheit die Gegenwart mitbestimmt, aber eben nicht dominiert. Selbstbewusste Zukunft ist möglich - auch oder vielleicht gerade wegen ostdeutscher Identität.
"Being Ostdeutsch", ein Film von Angela Giese, ZDF, 27. September, 09.03 - 09.35 Uhr. Ab 25. September in der ZDF-Mediathek.
(KNA)
Autor:Online-Redaktion |

Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.