Nachgefragt
Ausprobieren oder Bestand sichern?

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Mitgliederschwund und leere Kassen. Die Kirchen müssen sich etwas einfallen lassen, um den Abwärtstrend zu stoppen. Neue Ideen müssen her, so scheint es. Willi Wild hat darüber mit dem Leiter des Gemeindezernats der EKM, Oberkirchenrat Christian Fuhrmann, gesprochen.

Warum macht sich die Kirche erst jetzt Gedanken, wie sich das Gemeindeleben reformieren lässt?
Christian Fuhrmann: Erst jetzt? Davon kann nicht die Rede sein. Am 1. Februar 1960 richtete ein Westberliner Kirchenkreis eine Pfarrstelle ein. Der Auftrag lautet: „Erprobung neuer Formen der Gemeindearbeit“. Ausdrücklich wurde festgestellt, dass in der neuen gesellschaftlichen Lage die herkömmlichen Strukturen der Kirchengemeinde zu verflüssigen sind. Am Brunsbütteler Damm entstand die von Ernst Lange begleitete Ladenkirche. Ladenkirchen gibt es bis heute. Wichtig war den Initiatoren das gemeinsame Einüben des Glaubens als Alternative zur „Rednerpult-Mission“.

Die Erprobungsräume der EKM stehen als Synonym für neue Formen. Die Projekte wirken aber nur punktuell. Wie könnte ein genereller Umbau aussehen?
Dass Erprobungsräume nur punktuell wirken, sehe ich nicht. Klar, sie sind an bestimmten Orten. Aber gleichzeitig strahlen sie aus. Die Steuerungsgruppe der Erprobungsräume war gerade in Bad Langensalza. Wir haben uns einen „Kirchenladen“ angesehen und wahrgenommen, wie diese Erprobungen in die Region ausstrahlen. Das liegt an hoch engagierten und kompetenten Mitarbeitern und an dem Kirchenkreis, der förderliche Rahmenvorgaben setzt. Von der Ladenkirche in Berlin bis zu dem Kirchenladen in Bad Langensalza zieht sich ein Element durch. Die Menschen – ob Gemeindeglieder oder nicht – erleben Kirche als Raum, in dem sie mitgestalten und mitreden können. Dabei erleben sie das Evangelium nicht als „religiöse Zugabe“, sondern als handfestes Geschenk.

"Kirche neu denken" – Ist das die harmlose Umschreibung für Einsparungen und Strukturveränderung?
Nein. Ich habe zunehmend ein Problem mit den drei Buchstaben „neu“. Zuviel Missverständnisse, und mal ehrlich: Ich lag noch in den Windeln, als Ernst Lange diesen Synodenbeschluss initiierte. Mit heute 61 bin ich sicher kein neues Modell. Ich halte mehr davon, dass wir Kirche „anders leben“. Es gibt sehr unterschiedliche Formen, in denen die christliche Botschaft lebendig wird. Entscheidend sind besonders zwei Fragen:
1. Welche Kirche passt zu den Menschen unserer Zeit und in unseren Kontext? Hier komme mir keiner mit dem platten Vorwurf, die Kirche laufe dem Zeitgeist nach. Kirche Jesu Christi ist immer an die Menschen der jeweiligen Zeit, ihre Fragen, Sehnsüchte und Ängste gewiesen.
2. Wie kommen die Menschen in unserer Kirche vor? Setzen wir sie auf die Bänke, oder sind sie aktive Mitgestalter, indem ihre Glaubenserfahrung hörbar und erlebbar wird? Strukturveränderungen werden folgen. Das ist zweitrangig. Zurzeit geben wir für die Erprobungen Geld aus – Invest-ment in die lebendige Hausgemeinschaft Gottes.

Was antworten Sie Kirchenkreisen, die sagen: Wir brauchen keine Projekte, bei uns gibt es noch funktionierendes Gemeindeleben?
Wenn das so ist, dann geht das in Ordnung. Ich würde nach dem fragen, was zufrieden stellt. Und ich stimme zu: Von Projekten rede ich bei Erprobungsräumen nicht. Projekte haben einen Beginn und ein Ende. Erprobungen haben sicher auch einen Beginn, aber vom Ende rede ich nicht zwangsläufig. Erprobungsräume können scheitern. Das gehört zum Ausprobieren. Das Problem ist, dass wir mit dem Scheitern schlecht umgehen können. Scheitern tut weh. Und gleichzeitig gilt: Ohne die Bereitschaft zum Eingeständnis, dass es so nicht geht, werden wir nicht herausfinden können, wie es geht. Unsere „Scham- und Moralkultur“ ist Hindernis beim Erproben.

Anders gefragt: Verkämpft sich die Landeskirche nicht, wenn in lebendigen, aktiven Kirchengemeinden Stellen nicht neu besetzt werden und auf der anderen Seite Projektstellen geschaffen werden?
Die Alternative in der Frage steht so nicht. Stellen in Erprobungsräumen können durch die Landeskirche gefördert werden. Wo es um ganze Stellen geht, sind andere kirchliche Ebenen und Spender beteiligt. Niemals wird deswegen Gemeinden Geld entzogen. Dass Stellen gekürzt werden, liegt ursächlich vor allem am Mitgliederrückgang. Weil es den gibt, erproben wir.

Wie sieht Ihre persönliche Vision der Kirche der Zukunft aus?
In aller Kürze: Echte Beteiligungskirche – viele sind aktiv. Lebendige Spiritualität – unterschiedliche Glaubensarten und Formen leben in Gottes Wohnung. Sie bewerten sich nicht. Jesus Christus belebt – er ist der Lebensatem und das Fundament, so dass wir uns streiten können, Konflikte austragen und gemeinsam an seinem Tisch sitzen.
Übrigens: Wir sollten mehr zusammensitzen und essen. Und noch mehr: wir sollten zuvor zusammen kochen und danach gemeinsam abwaschen.

Oberkirchenrat Christian Fuhrmann, Leiter des Gemeindedezernats der EKM
Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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