"Mein Leben für die Hexenkinder"
Wenn Kinder zu Hexen gemacht werden

Maïmouna Obot mit Hexenkindern aus der Region Eket im Süden Nigerias
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In Zeiten von Social Media und Crowdfunding scheint es oft so, als wäre die Spendenbereitschaft grenzenlos. Als ließen sich für alle möglichen Themen, vom Tierheim in Spanien bis zum Kinderhospiz auf dem Land, ziemlich einfach viele Spenden akquirieren, wenn nur die Reichweite groß genug ist.

von Mirjam Petermann

Eine solche hat auch Maïmouna Obot. Und ihr Einsatz ist unermüdlich. Aber, so scheint es, für ihr Anliegen ist es nicht so leicht, Unterstützer zu gewinnen. Denn Obot engagiert sich seit Jahren für Hexenkinder in Nigeria.

Als ein solches verschrien ist Joy. Sie ist zehn Jahre alt, lebt mit ihrer Mutter in einem Dorf in Nigeria. Eines Tages steht ihr Vater vor der Tür und will sie mitnehmen, zu seiner neuen Familie, ihr einen Schulbesuch ermöglichen. Doch bei ihm und seiner neuen Frau eingezogen, ist sie stattdessen für den Haushalt und die Versorgung ihres kleinen Bruders zuständig. Sie erfährt keine Liebe, keine Zuwendung. Sie macht nachts in ihr Bett. Für die Eltern ist klar, sie muss ein Hexenkind sein, und damit ist sie auch für alles Schlechte verantwortlich: für die finanziellen Nöte des Vaters ebenso wie für seine Rückenschmerzen. Joy wird misshandelt, verstoßen und missbraucht, bis sie schließlich Hilfe findet.

Der Hexenglauben ist in Nigeria weit verbreitet. Warum Kinder als solche bezeichnet werden, ist unterschiedlich – je nach Region, je nachdem welche Gründe gerade „in“ sind, sagt Maïmouna Obot. Wenn beispielsweise Kinder wie Joy ins Bett machen, würde das als Zeichen gesehen, dass sie keine Kontrolle mehr über den Körper habe, also eine Hexe in ihr lebe. Dazu kommt, dass viele Nigerianer in Armut leben. Irgendjemand muss daran Schuld sein, dass man seinen Job verloren hat, dass es an vielem mangelt. „Hexenkinder sind da oft ein Ventil“, sagt Obot. Wieder andere benutzen das Argument der Hexenkinder auch als Vorwand, um (Stief-)Kinder loszuwerden und nicht mehr versorgen zu müssen.

Maïmouna Obot ist 39 Jahre alt, und lebt in Stuttgart. Ein Teil ihrer Familie stammt aus dem thüringischen Ruhla. Seit sie 2016 eine Dokumentation der BBC über Hexenkinder gesehen hat, ließ sie das Thema nicht mehr los. Zunächst unfreiwillig, wie sie in ihrem Buch erzählt, das in dieser Woche erscheint. Obot gründete den Verein "Storychangers", organisiert Hilfe für die Kinder vor Ort und initiiert Schulungsprogramme. Und sie will eine starke Stimme sein für Nigerias Hexenkinder. Wie Joy erzählen sie in ihrem Buch deren Geschichten.

Die Problematik macht auch vor Christen nicht halt. Viele Pastoren haben keine Argumente dagegen und kein Wissen darüber, wie sie der Anklage von Hexenkindern begegnen können. Im Gegenteil, einige von ihnen profitieren sogar davon, indem sie Exorzismen betreiben. Das kostet schon mal das Jahresgehalt eines Nigerianers, weshalb viele Eltern sich das gar nicht leisten können. Neben der Sorge für die Kinder engagiert sich Obot deshalb für die Sensibilisierung von Pastoren durch Seminare und theologische Handreichungen. „Wir schauen uns an: Wie ist Jesus mit den Kindern umgegangen?“

Auch fehle es an theoretischem Wissen über die kindliche Entwicklung – von der Trotzphase bis zur Pubertät, weshalb in den Dörfern viel Aufklärung betrieben werden müsse „Es ist keine langfristige Lösung, Heime zu unterstützen, die sich um die Kinder kümmern“, sagt Maïmouna Obot. „Vielmehr muss sich grundsätzlich im Denken der Menschen etwas ändern.“ Und das tut es. 2019 begann sie ihre Arbeit mit Mitarbeitern vor Ort in der Stadt Eket im Bundesstaat Akwa Ibom ganz im Süden Nigerias. Dort gibt es heute keine öffentliche Verfolgung von Hexenkindern mehr.

Zwar könne es sein, so Obot, dass im verborgenen noch Misshandlungen passieren, aber das, was bis dato auch am hellerlichten Tag auf offener Straße den Kindern angetan wurde, sei so nicht mehr möglich. Auch suchen immer weniger Kinder aus dieser Region Zuflucht in Kinderheimen. Das hat sich herumgesprochen, deshalb wird der Verein auch aus anderen Regionen angefragt. Die Arbeit auszubauen, dafür fehle aktuell jedoch das Personal, sagt Obot. „Es gibt viele Berührungsängste mit dem Thema, deshalb ist es schwer Leute zu finden, die sich regelmäßig engagieren“, sagt sie. Wichtiger als finanzielle Spenden seien Menschen, die ihre Zeit in das Projekt investieren.

Von April bis Mai ist eine Lesereise zum Buch geplant. Für Lesungen werden noch interessierte Gemeinden und Vereine gesucht. Kontakt und weitere Infos unter
 storychangers.de

Obot, Maïmouna: Mein Leben für die Hexenkinder, SCM Hänssler, 264 S., ISBN 978-3-77516-093-3; 18,99 Euro

Maïmouna Obot mit Hexenkindern aus der Region Eket im Süden Nigerias
Autor:

Mirjam Petermann

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