Start ins neue Jahr
Warum weltweit "Auld lang syne" gesungen wird

Das Knallen und Zischen von Böllern, Raketen und Wunderkerzen sind typische Geräusche an Silvester. In vielen Ländern beginnt das neue Jahr außerdem mit einer musikalischen Hymne an die Freundschaft.

Von Nicola Trenz 

Beim weltgrößten Silvesterfeuerwerk in London, beim legendären Ball Drop am New Yorker Times Square und auf privaten Feiern rund um den Globus halten die Menschen um Mitternacht kurz inne. Sie nehmen sich an die Hände und singen das Lied "Auld lang syne" - es gilt als das weltweit zweitbekannteste nach Happy Birthday.

Insbesondere in englischsprachigen Teilen der Welt ist das schottische Volkslied traditioneller Teil des Jahreswechsels. "Auld lang syne" besingt in schottischer Sprache die gute alte Zeit. Der Text ist dadurch auch für Englischsprechende schwer zu verstehen: Freunde, die lange getrennt waren, erheben gemeinsam das Glas und lassen vergangene Momente Revue passieren.

"Should auld acquaintance be forgot?", fragt das Lied, "Sollte alte Vertrautheit vergessen werden?". Nein, ist selbstverständlich die Antwort. Der Text lasse gemeinsame Momente wieder aufleben und er reaktiviere Gemeinschaft, erläutert der schottische Dichter und Literaturwissenschaftler Robert Crawford. Das Lied errichtet Brücken, oder besser, es wiedererrichtet Brücken, so der Wissenschaftler, dies macht es so passend für einen Zeitpunkt, an dem das Alte scheinbar vom Neuen getrennt wird. Im Lied werden also das Alte und das Neue verbunden. So werde eine emotionale und gemeinschaftliche Kontinuität bewahrt und gewürdigt, erklärt Crawford.

Es wird oft auch bei Abschiedsfeiern oder Beerdigungen gespielt. Im Januar vergangenen Jahres stimmten Politikerinnen und Politiker das Stück im EU-Parlament an, nachdem der Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union beschlossen worden war. Beim Weihnachtsfrieden des Ersten Weltkrieges 1914 sangen deutsche und britische Soldaten das Lied gemeinsam auf dem Schlachtfeld. Das Lied - ein bisschen melancholisch, ein bisschen hoffnungsvoll - geht auf schottische Volksmusik im 18. Jahrhundert zurück. Der schottische Nationaldichter Robert Burns hat es 1788 aufgeschrieben.

Bereits im 19. Jahrhundert wurde es in Schottland zum Jahreswechsel gesungen. Das britische Weltreich habe die Klänge auch in andere Teile der Erde gebracht, erläutert Burns-Biograph Crawford. Zur Silvesterhymne sei das Lied geworden, als der populäre Dirigent Guy Lombardo es 1929 mit seinem Orchester in einer US-amerikanischen Radioübertragung zum Jahreswechsel spielte. Das Stück kam so gut an, dass er fast 50 Jahre lang immer wieder mit diesem Lied Teil der Radio- beziehungsweise später Fernsehübertragung zu Silvester war. So wurde die schottische Silvestertradition weithin bekannt.

In Deutschland ist das Lied nicht nur aus Silvesterszenen in Filmen bekannt, sondern auch als Lied der Pfadfinderbewegung mit dem Text Nehmt Abschied Brüder. Trotz des Titels ist aber auch der deutsche Text kein Abschiedslied; in ihm steckt vielmehr die Hoffnung auf ein Leben nach dem vermeintlich endgültigen Abschied, nach dem Tod.

Robert Crawford sagt, das Lied berühre die Herzen von Menschen. Man müsse den Text nicht verstehen, um die Kraft des Liedes zu spüren - die Kraft gemeinsamer Erinnerungen, die auch durch Trennung oder das Altern nicht ausgelöscht werden können. Die Kraft, Menschen zusammenzubringen, gerade heutzutage. In dieser globalen Hymne des Erinnerns und der Freundschaft wird Silvester nicht erwähnt, wohl aber wird das Glas gehoben - auf die längst vergangene Zeit.

(KNA)

Autor:

Beatrix Heinrichs

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

8 folgen diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.