Kein Hochglanzglamour, sondern Klarheit

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.
Johannes 1, Vers 14

Noch einmal ein Schöpfungsmorgen. Noch einmal erstes Licht – mitten in der Nacht. Noch einmal etwas ganz Neues: Das Wort ward Fleisch. Gott spricht und es geschieht. Er selbst mischt sich mitten unter uns. Das ist das Weihnachtsgeheimnis und ist doch nicht nur für Weihnachten bestimmt. Dieser Satz füllt ein ganzes Leben, mein Leben – und reicht weit darüber hinaus bis in die Ewigkeit. Denn nun gilt, was am Schluss des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach nicht oft genug gesungen werden kann: »Bei Gott hat seine Stelle das menschliche Geschlecht.« Dahinter geht es nicht mehr zurück. Damit geht es weiter, auch in mein neues Jahr 2019. So will ich diesen Satz immer wieder lesen, ihn ganz langsam buchstabieren; auch wenn ich ihm zweifelnd oder skeptisch gegenüberstehe.
Das hält er aus. Und ich werde ihn erwartungsvoll bei mir tragen, werde suchen und Ausschau halten, wo ich dieser einzigartigen Wortgestalt begegne: dem Brunn aller Freuden, der Fürsprecherin, dem Friedenskönig, der Nachbarin, dem Sprachgesell, der Geflüchteten, dem Fremden, dem jüdischen Mann – denn das Wort wurde »jüdisches Fleisch« (Karl Barth). Und das Heil kommt von den Juden (Johannes 4,22).
Dann wird es etwas zu sehen geben: Herrlichkeit, einen Glanz. Nein, nicht von Gold oder Silber, auch kein Funkeln von Bajonetten oder Raketen, kein Blitzlichtgewitter, kein Hochglanzglamour. Vielleicht ist ja Herrlichkeit gar nicht die beste Übersetzung des Wortes, das an dieser Stelle steht. Klarheit passt viel besser. Wir werden seine Klarheit sehen, die all das klar macht, was unter uns Sache ist: die das Verkehrte als verkehrt entlarvt und das Gemeine als gemein, die das Gute, das Schöne und die Freude gut und schön und freudig erstrahlen lässt. Eine Klarheit, die den Widerspruch, selbst das Sterben nicht scheut und noch am Kreuz aufleuchtet: Wahrlich, dieser Mensch – Gottes Sohn (Matthäus 27,54).
Gott wird Mensch und wir sehen klar: Ein Satz. Ein Weihnachtssatz. Ein Lebenssatz –
und ein Satz weit darüber hinaus.
Hanna Kasparick, promovierte Theologin, Wittenberg

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