Folge 33 – 1988
Umkehr mit Blick nach vorn
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Am Vorabend der Friedlichen Revolution gärt der Widerstand in der DDR – auch unter Christen. Das selbstbewusste Eintreten für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung wird zum Leitthema – mit Folgen für die Kirchenpresse.
Von Dietlind Steinhöfel
Das Foto eines Gottesdienstes mit 500 Menschen in der Friedrichstadtkirche zu Berlin ist der Aufmacher der Nummer 1 von 1988. Von der Empore ist eine Großbildprojektion zu sehen mit dem Präsidenten der USA, Ronald Reagan, und dem Generalsekretär der UdSSR, Michail Gorbatschow. Wenige Minuten vor der Aufnahme vom 8. Dezember 1987 haben die Staatschefs ein Abrüstungsabkommen unterzeichnet.
"Zum ersten Mal wurde der Rüstungswettlauf abgebrochen. (…) Gott gebe, daß die gesellschaftlichen Organe den Vertrag schnell in Kraft setzen", schreibt Landesbischof Werner Leich in seinem Neujahrswort. Und Carl Friedrich von Weizsäcker bezeichnet das Abkommen als "Durchbruch der Vernunft". Allerdings bedauert Stephan in der Jugendspalte "Kassette", dass einige Mitmenschen diesen Vertragsabschluss nicht zur Kenntnis genommen hätten. "Ich befürchte manchmal, daß wir viel zu sehr in unseren eigenen Problemen leben und zu wenig über die Grenzen unseres eigenen Denkens hinaussehen", schreibt der junge Autor, der in dieser Rubrik nur mit seinem Vornamen genannt wird.
Stephan ist auch Delegierter der ersten Ökumenischen Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, die vom 12. bis 15. Februar in Dresden zusammenkommt. Über 10 000 Vorschläge sind von den Gemeinden zur Vorbereitung eingesandt worden, wovon 7000 ausgewertet werden können: 2772 zum Thema Gerechtigkeit, 2491 zu Friedensfragen und Wehrdienst sowie 1872 zur Umweltproblematik.
Die Versammlung beginnt nicht mit Referaten, sondern mit "Zeugnissen der Betroffenheit", welche die Wirklichkeit der Menschen widerspiegeln. Zur Weiterarbeit wurden 13 Arbeitsgruppen gebildet, die sich zum Beispiel mit der Energie für die Zukunft, Friedenserziehung, dem Wertewandel und der damit verbundenen Lebensweise befassen sollen. Geplant ist die nächste Versammlung für den Herbst in Magdeburg.
Delegierte informieren in den folgenden Wochen Interessierte in ihren Heimatorten, worüber die Kirchenzeitung berichtet. Auffallend ist, dass die Berichterstattung sehr zurückhaltend war. Ein Grund dafür könnte gewesen sein, dass die "Zeugnisse der Betroffenheit" bei den staatlichen Stellen nicht gut ankamen und "abgemildert" werden mussten.
In diesen Monaten kam die Zeitung oft zu spät, da nicht selten Beiträge ausgetauscht oder textlich etwas verändert werden mussten. Die Ausgabe Nummer 16 vom 17. April ist nicht erschienen. Gleiches galt für die Ausgaben der Partnerkirchenzeitungen der DDR. Der Grund: Die Chefredakteure hatten sich geweigert, Texte herauszunehmen.
"Die Trennung von Staat und Kirche darf nicht als Trennung der Kirche von den Menschen verstanden werden"
Für den Sommer 1988 sind wieder Kirchentage in mehreren Landeskirchen geplant. Vom 10. bis 12. Juni wird unter dem Motto "Umkehr führt weiter" nach Erfurt eingeladen. In der Ausgabe zum Kirchentagswochenende wird die Berichterstattung schon in der Folgenummer angekündigt. Doch diese erscheint ebenfalls nicht. Berichte über diesen Kirchentag, zu dem sich 40 000 Menschen zur Abschlussveranstaltung auf dem Domplatz versammelt hatten, erscheinen nach und nach in den da-rauffolgenden Ausgaben.
Mit der Pressezensur, die von Staatsseite nicht als solche bezeichnet wird, befasst sich auch die Konferenz der Kirchenleitungen der DDR und formuliert in einem Beschluss, den "Glaube und Heimat" abdruckt: "Die Konferenz vertritt die Auffassung, daß die kirchliche Presse die Möglichkeit haben muß, über kirchliche Vorgänge wie Synodalverhandlungen und ihre Themen und über kirchliche Veranstaltungen vollständig und uneingeschränkt zu berichten. Der Verkündigungsauftrag der Kirche ist nicht eingegrenzt auf Seelsorge, sondern reicht in alle Bereiche menschlichen Lebens hinein."
Im Frühjahr wird an den 10. Jahrestag der Staat-Kirche-Gespräche erinnert, den 6. März 1978. In einem Positionspapier des Kirchenbundes heißt es aus diesem Anlass: Staat und Kirche seien zwar getrennt, aber: Die Kirche ist immer an den ganzen Menschen gewiesen, dazu gehören auch seine gesellschaftlichen Belange. Die Synode des Kirchenbundes, die im September tagt, sieht keine verantwortbare Alternative zum Dialog. Dabei dürfe kein Lebensbereich ausgeklammert werden. "Die Trennung von Staat und Kirche darf nicht als Trennung der Kirche von den Menschen verstanden werden."
Ein weiteres großes Thema ist das Gedenken an die "Reichskristallnacht" vor 50 Jahren. Mehrere Beiträge erscheinen zum Verhältnis von Christen und Juden. Auf der Thüringer Herbstsynode äußert sich Landesbischof Werner Leich zur Mitschuld der Kirche an der Pogromnacht und zu Luthers judenfeindlichen Spätschriften.
Fundstücke
Dekade: Der Ökumenische Rat der Kirche beschließt 1987, eine "Ökumenische Dekade der Kirchen in Solidarität mit den Frauen" auszurufen – von 1988 bis 1998.
Bausoldaten: Der Arbeitskreis für Wehrdienstfragen bietet ein Seminar zur Entscheidungsfindung für 17- bis 19-Jährige an. Es stünden nicht Agitation und Werbung im Vordergrund, sondern die Befähigung zur eigenen, bewussten Entscheidung.
Aggression: In der "Kassette" wird über einen Gemeindeabend in Rathenow berichtet. Hier sollte die Störung des Gottesdienstes am Heiligabend 1987 in der Stadt aufgearbeitet werden, in dem es aggressive Äußerungen gab und ein Ordner mit Prügel bedroht wurde. "Neger raus!" wurde zwei afrikanischen Christen zugerufen.
Aufgelöst: Die Vereinigte Lutherische Kirche in der DDR löst sich Ende 1988 auf. Grund: Die Verständigung innerhalb des Kirchenbundes sei gelungen und die Bewahrung lutherischer Akzente damit nicht preisgegeben. Eine gesonderte Institution sei nicht mehr nötig.
Autor:Online-Redaktion |
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