Gera
Der Brückenbauer

Franz und Gerda Beutel: Seit 61 Jahren ein Paar und hoch engagiert. Jeden Montag geben sie im Jugendzentrum „Jumpers“ in Gera-Lusan Deutschunterricht für ukrainische Frauen. | Foto: Elke Lier
  • Franz und Gerda Beutel: Seit 61 Jahren ein Paar und hoch engagiert. Jeden Montag geben sie im Jugendzentrum „Jumpers“ in Gera-Lusan Deutschunterricht für ukrainische Frauen.
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Franz Beutel war viele Jahre Pastor der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde in Gera. Ob als Gefängnisseelsorger oder bei seinem Engagement für Flüchtlinge: Immer hat er sich eingesetzt für Weltoffenheit und Menschlichkeit. Im Juli wird der "Pastor in Reichweite" 90 Jahre alt.

Von Elke Lier

„Vöglein im hohen Baum, klein ist’s, man sieht es kaum.“ Mit geübten Stimmen singen Gerda und Franz Beutel zweistimmig das alte Volkslied. Gebannt hören ukrainische Frauen aus Charkiw, Poltawa, Mariupol und Donezk dem Ehepaar zu. Jeden Montag lernen sie im Jugendzentrum „Jumpers“ in Gera-Lusan Deutsch bei den Beutels. „Wir verstehen jetzt viel mehr, wenn wir einkaufen. Das Ehepaar schenkt uns die neue Sprache, Geduld und Trost.", loben die Frauen ihre Lehrer. "Übrigens: Franz singt sehr gut.“

Franz Beutel feiert am 5. Juli seinen 90. Geburtstag, Ehefrau Gerda ihren 89. im August. „Der Trauspruch unserer Hochzeit 1965 hat 61 Jahre lang unser Leben bestimmt“, sagt er und zitiert: „Lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit.“ Franz Beutel ist Pastor i. R. – er übersetzt die Abkürzung für den Ruhestand mit "in Reichweite". Wie wahr! Der Geistliche der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Gera arbeitete als Gefängnisseelsorger, er baute 1992 in Gera die Telefonseelsorge auf, er predigte für die ersten Spätaussiedler in der Aufnahmestelle Eisenberg und ist seit elf Jahren Vorsitzender des Freundeskreises für Flüchtlinge – alles im Ehrenamt.

Ines Bauer, Vizevorsitzende im Freundeskreis, nennt ihn „einen Brückenbauer zwischen den Kulturen". Mit viel Geduld, Empathie und Herzblut helfe er Migranten, die deutsche Sprache zu lernen. "Gemäß seinem Credo: Sprache ist der Schlüssel zur Welt.“

Drei Berufe hat er erlernt: Modelltischler für Schwerarmaturen, Orgelbauer, Theologe. „Franz hat uns manchen Handwerker in unserem Gemeindehaus erspart“, sagt Gemeindepastor Stefan Taubmann. „Er ist unfassbar fleißig und geschickt, alles macht er mit einem Höchstmaß an Selbstaufgabe, er ist ein Flaggschiff fürs Ehrenamt und dabei immer auf Gott ausgerichtet, um die Welt ein Stück besser zu machen.“ Mit Freundeskreis-Mitstreitern baute Franz Beutel noch bis 2018 für Geflüchtete Schrankwände auf, schleppte Möbel, reparierte. Gerda und er gehören stets zu den Organisatoren der Weihnachtsfeiern für Flüchtlingskinder.

1955 lernten Franz und Gerda sich in der Jugendgruppe der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde in Leipzig kennen. Für Franz war es Liebe auf den ersten Blick. „Ich sehe den Menschen ins Gesicht und sah bei meiner Gerda Echtheit.“ Den in Mainz geborenen Franz und die Leipziger Industriekauffrau Gerda verbinden nicht nur ihre drei Kinder und sieben Enkel, viel Arbeit, Bescheidenheit und Improvisationstalent, sondern auch die Kriegserlebnisse. Franz bezeichnet sich als Binnenflüchtling in Deutschland, der 1945 den Vater und als Vierzehnjähriger die Mutter verlor – und für fünf Geschwister sorgen musste. Gerda floh vor den Bomben nach Hinterpommern. Ihre Dankbarkeit, in Frieden zu leben, betonen sie immer wieder. Für beide ist „die Gemeinde unsere Heimat, wir lieben die Musik, singen gerne, für uns und im Chor“. Das Kiev Sinfonieorchester gab auf Franz Beutels Einladung Konzerte im Gemeindehaus G 26, die Geraer Chorvereinigung Cantabile ist musikalischer Partner des Freundeskreises.

Am Anfang der Ehe zog das Paar von Leipzig nach Sonneberg, 1980 nach Gera. „Suche der Stadt Bestes war das Thema meiner ersten Predigt hier und ist ein Lebensprinzip geworden“, sagt er. Menschen in Problemlagen helfen, für Weltoffenheit und Menschlichkeit, gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit eintreten, dazu bekennt sich Franz Beutel in seiner Kirche ebenso wie bei Reden auf dem Geraer Marktplatz. „Der grassierende Individualismus vergiftet das Zusammenleben, schwächt die Gesellschaft. Wir dürfen niemals die Verantwortung für den Anderen vergessen“, mahnt er.

Wenn sich die Ukrainerinnen bei ihm und Gerda für die Deutschstunde bedanken, stolz auf ihre wachsenden Kenntnisse sind, „dann ist das für uns der schönste Lohn, ist nicht Pflicht, sondern Freude und Freiheit“, sagt Franz Beutel und lächelt dabei das hohe Lebensalter weg. Suche der Stadt Bestes war das Thema meiner ersten Predigt hier und ist ein Lebensprinzip geworden.

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