Streitpunkt: Die Kirche und die Petition

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Gemeinsamer Nenner: Sie schätzen sich und arbeiten in der Landessynode zusammen. Aber bei der EKM-Kampagne zum Tempolimit gehen die Meinungen von Ernst-Ulrich Wachter und Manuel Vogel weit auseinander. Das Streitgespräch moderierte Willi Wild.

Sieben Wochen ohne Lügen: Wie schnell sind Sie auf der Autobahn unterwegs?
Manuel Vogel:
Richtgeschwindigkeit 130.
Ernst-Ulrich Wachter: Schon 160, wenn ich es eilig habe. Aber zum Dauerrasen bin ich zu geizig.

Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung, wer sollte etwas dagegen haben?
Wachter:
Niemand. Wir sollen uns unbedingt für den Umweltschutz einsetzen.

Trotzdem schämen Sie sich für die Aktion, weil das Tempolimit nicht wissenschaftlich begründet sei, noch nachhaltig und nichts mit Kirche zu tun habe?
Wachter:
Was mich eigentlich ärgert ist, dass unsere Kirche eine Kampagne startet, wo wir alle wirklich kampagnenmüde sind. Es ist ein Seitenthema, mit dem man eine bestimmte politische Klientel bedient. Und es wird so getan, als wären die, die für das Tempolimit sind, die besseren Christen. Ist es christlicher, für ein Tempolimit zu sein?
Vogel: Was Bruder Wachter gesagt und geschrieben hat, stößt in jedem Detail auf meinen Widerspruch. Es gibt kein einziges gültiges Argument gegen das Tempolimit. Ich sehe nicht, dass die Landeskirche eine Aktion angestoßen hat oder ungefragt in Sachen Demokratie belehren will.
Die Kirchenleitung hat sich entschlossen, von dem demokratischen Instrument einer Petition Gebrauch zu machen. Bei der Synodenentscheidung ging es nicht um ein generelles Tempolimit, sondern nur um eine freiwillige Verpflichtung der Mitarbeitenden in der Kirche.

Kampagne suggeriert Mehrheitsmeinung

Wachter: Aber Sie geben mir recht, dass es sich um eine Kampagne handelt. Es sind Plakate und Banner gedruckt. Es sind alle Mitarbeitenden aufgefordert worden, die Aktion zu unterstützen. Die Kirchenleitung tut mit dem Kampagnentext so, als verträte sie damit alle Mitglieder. Ein Indiz, dass es nicht die Mehrheitsmeinung ist, ist die Synoden­entscheidung. Warum hat man nicht die Herbstsynode gefragt?

Ein Kritikpunkt, der immer wieder geäußert wurde, ist, ob es denn Auftrag der Landeskirche ist, Petitionen zu starten?
Vogel:
Die Institution Landeskirche hat für die Petition ihre logistischen Möglichkeiten verwendet. Ob sie das rechtmäßig tut, entscheidet sich an der sachlichen Dringlichkeit des Anliegens. Die ist aus meiner Sicht gegeben. Das Tempolimit ist, auch ohne dass man Zahlen dazu kennen muss, notwendig. Es ist bekannt, dass bei hoher Geschwindigkeit der Spritverbrauch exponentiell steigt. Es ist doch auch intuitiv klar, dass ich mich und andere in größte Gefahr bringe, wenn ich 190 statt 120 fahre.
Wachter: Ja, klar. Aber Bruder Vogel, wenn das als Argument ausreicht, dann müssen wir auch gegen fettes Fleisch, Nikotin oder Alkohol Gesetze erlassen und die Prohibition einführen. Dann sind wir als Kirche dafür, dass man nichts mehr darf, was nur irgendwie gefährlicher ist, als es nicht zu tun. Man darf nicht mehr Bergsteigen oder Fahrradfahren. Überall passieren schlimme Sachen, die nicht passieren würden, wenn man sie verbietet.

Individuelle und kollektive Risiken

Vogel: Es geht beim Tempolimit, im Unterschied zum Bergsteigen oder Alkohol, nicht um individuelle Risiken, sondern um kollektive und globale Risiken. Es gibt nur eine Scheinähnlichkeit zwischen dem Bergsteigen und dem Autofahren.
Wachter: Ich wohne in Elbingerode mit einer der größten Suchtkliniken in Sachsen-Anhalt. Das Thema Alkoholmissbrauch ist kein Individualproblem. Es betrifft unzählige Menschen im sozialen Umfeld der Betroffenen und zerstört Leben.
Vogel: Ja, aber der Alkohol schmilzt keine Polkappen ab. Dem Alkohol kann man durch individuelle Therapie beigekommen, den abgeschmolzenen Polkappen nicht.

Die Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen ist nur ein winziger Teilbereich. Müsste sich Kirche nicht auch in anderen Feldern engagieren?
Wachter:
Warum fordern wir nicht das Verbot von Flugreisen innerhalb Deutschlands?
Vogel: Da bin ich sofort dabei.
Wachter: Ich glaube, dass es viel nachhaltigere Verhaltensänderungen für den Klimaschutz gibt.
Vogel: Dann kann ich Ihnen nur empfehlen, regen Sie doch solche Petitionen an.
Wachter: Ich frage mich, wo ist meine Landeskirche bei der aktuellen ethischen Debatte, etwa wenn es um den Bluttest für Trisomie 21 geht. Das vermisse ich.

Eine weitere Kritik, die uns erreicht, ist, dass die Kirche mit der Kampagne das Geschäft der Parteien betreibe. Wie christlich ist das Tempolimit?
Vogel:
Meine Ansicht ist, dass wir immer in dem, was wir tun, Christen sind. Und da entweder fehlgehen oder richtig handeln. Es geht nicht darum, dass wir einander die Christlichkeit absprechen, sondern dass wir als Christen mit umso größerem Ernst die Sachfragen diskutieren. Christliche Abtreibungsgegner und christliche Befürworter sind zunächst beide Christen. Ich halte die Sachfragen jedoch für so wichtig, dass ich mich nicht an der Beurteilung der Christlichkeit aufhalte.
Wachter: Wenn jedoch eine Landeskirche ein Tempolimit fordert, dann gibt sie vor, was christlich ist und woran sich die Kirchengemeinden zu orientieren haben.
Vogel: Diese Petition delegiert doch die Frage an die Bundespolitik.

Kirchenleitung übernimmt die Verantwortung

Wachter: Warum haben sich die Initiatoren nicht einer Initiative angeschlossen und es stattdessen zur Sache der Landeskirche gemacht? Wenn ich jetzt an deren Stelle wäre, könnte ich auch irgendwelche Petitionen im Namen der Landeskirche auf den Weg
bringen?
Vogel: Sie könnten es nicht nur, Sie müssten es in Ihrer Leitungsfunktion. Sie müssten damit leben, dass Sie entweder richtig oder falsch liegen. Wir werden alle vor dem Richterstuhl Christi erscheinen und bekommen unsere Soll- und Haben-Liste. Entweder ist die Landeskirche im Recht oder im Unrecht. Mit diesem Risiko muss sie leben.
Wachter:
Dann muss sie aber auch damit leben, dass es in ihren Reihen Menschen gibt, die Kritik üben. Und die sie darauf hinweisen, dass sie möglicherweise falsch liegt.
Vogel: Genau.

Gesellschaftliche Verantwortung oder gesellschaftlicher Frieden. Besteht nicht die Gefahr einer noch größeren Spaltung?
Wachter:
Jeder Christ kann und sollte sich als Christ engagieren. Die Aufgabe der Landeskirche ist, die Ortsgemeinden zu unterstützen in den großen Veränderungen. Aber das Einzige, was uns zu der Misere einfällt, sind immer wieder irgendwelche Kampagnen. Deswegen werden es trotzdem nicht mehr Menschen, die gläubig werden und ihr Leben nachhaltig verändern.

Anspruch Jesu kontra politische Forderungen

Ich glaube, es bringt mehr, wenn wir Menschen wirklich mit dem Anspruch Jesu und nicht mit politischen Forderungen konfrontieren. Egal, ob es um das Verhältnis zu geflüchteten Menschen geht oder zur Umwelt. Wenn jemand seinen Schöpfer entdeckt, dann wird er mit der Natur anders umgehen.
Vogel: Es gibt meines Erachtens keinen Automatismus zwischen gesteigerter Frömmigkeit und gesteigerter Menschheitsverantwortung. Es kann auch gerade das Gegenteil eintreten. Aber, da gebe ich Ihnen recht, das Religiöse, so sehr es auch verwässert, sichert immer noch humanitäre Standards. Von denen man erst weiß, was man an ihnen hatte, wenn das Religiöse weggefallen ist.

Wird der Relevanzverlust der Kirchen durch diese Aktion beeinflusst?
Wachter:
Er wird zumindest nicht gebremst.
Vogel: Ich denke, das ist für die Relevanz weder förderlich noch abträglich. Das Schielen auf Relevanz oder Effekte des Gemeindeaufbaus will ich mir nicht zu eigen machen. Es geht um die Sache und wie man sie beurteilt. Ein Wort von Tatjana Goritschewa: »Einsamkeit ist keine Sünde.« Verricht’ das deine nur getreu. Getreu heißt, auch in ständiger Reflexion und Aufmerksamkeit wacher und kritischer Zeitgenossenschaft. Und ob das dann die Leute toll finden, liegt nicht in meiner Hand und darf mich nicht beeinflussen.
Wachter: Das ist mir sehr nah, ja.

Hintergrund
Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) hat eine Online-Petition für ein generelles Tempolimit von 130 Stundenkilometern auf Autobahnen auf den Weg gebracht. Kommen bis zum 3. April mindestens 50 000 Unterschriften zusammen, muss sich der Petitionsausschuss des Bundestages bei einer Anhörung des Themas annehmen. Die Petition hat Oberkirchenrat Christian Fuhrmann für die Landeskirche eingereicht.
Es ist das erste Mal, dass eine Landeskirche eine Online-Petition auf den Weg bringt. Die Kirche wolle eine breite gesellschaftliche Debatte zu diesem Thema anstoßen. »Wir wissen, dass die Deutschen, und auch viele Christen, in dieser Frage gespaltener Meinung sind«, räumt Fuhrmann ein. Die zentrale Frage hinter der Petition, wie sollen wir heute leben, damit auch unsere Kinder und Enkel noch ein gutes Leben haben, gehe jeden einzelnen Menschen an. »Wir haben den Garten, in dem wir leben, nicht selbst gepflanzt – wir haben ihn zu bewahren. Dazu gehört, den eigenen Lebensstil zu überdenken«, fordert der Theologe. Eine Entschleunigung verspreche zudem einen Zugewinn an Lebensqualität.

www.ekmd.de/tempolimit

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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