Pro und Kontra
Seelsorge kontra Fürsorge – Über die Freiheit der Religion

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Stichhaltige Argumente gibt es für oder gegen analoge Gottesdienste. Für den Ratsvorsitzenden der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, steht "der verantwortungsvolle Umgang mit Risiken und der Schutz von Gesundheit und Leben im Vordergrund". Seine Vor-Vorgängerin Margot Käßmann hält dagegen: "Nächstenliebe funktioniert nur Face to Face und nicht auf Facebook."

Auf
Mir geht es wie dem Juristen und Journalisten Heribert Prantl: „Ich habe lange gewartet, dass die Kirchen etwas deutlicher werden. Warum soll der Bürgermeister, warum soll ein Innenminister Gottesdienste verbieten können?“ Ja, Gottesdienstverbote sind keine Kinkerlitzchen. Sie schränken die Religionsfreiheit empfindlich ein, zu der öffentliche und freie Versammlungen elementar gehören.
Es war gut, dass der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz Georg Bätzing im Zuge von Lockerungsmaßnahmen eine Gleichbehandlung mit anderen Lebensbereichen einforderte – nicht mehr und nicht weniger. Doch Wolfgang Huber trat den katholischen Brüdern rhetorisch rasch vors Schienbein: Die Kirchenoberen würden „einen weinerlichen Ton“ anschlagen. War das ein Ablenkungsmanöver vom Spielfeldrand?
Der Protestant Bodo Ramelow jedenfalls gewichtet Meinungs- und Religionsfreiheit gleich: „Das stille Kämmerlein reicht dafür nicht aus. Beides bedarf der sichtbaren Manifestation.“
Sicher: Alle geistlichen Online-Angebote, alle Musik im Freien, der Kreide-Schriftzug auf der Straße zu Ostern ist mehr als stilles Kämmerlein, ist Sichtbarkeit. Aber soll es nun vorerst keine Gottesdienste in Kirchenräumen geben, damit alles noch bunter und fantasievoller wird? Wie viele feiern etwa wirklich Home-Abendmahl?
Der Protestant Markus Söder meinte tatsächlich: „Jede Infektion, jeder Tote ist zu viel." Das kam zum Fest der Auferstehung gut. Aber: Wir können nicht zu Hause bleiben, bis keiner mehr stirbt! Vor allem darf der Infektionsschutz nicht vergessen lassen, was das Grundgesetz in erster Linie schützt: die Menschenwürde.
In Jena musste ein Seelsorger den Zugang zu einer sterbenden Frau einklagen. Das Landgericht Altenburg verpflichtete das Pflegeheim, gegen Androhung einer Strafe von bis zu 250 000 Euro, ihn jederzeit zu der 89-Jährigen zu lassen. So gewichtete das Gericht Menschenwürde und Gesundheitsschutz.
Verantwortlich handeln heißt, mit Vorsicht und Verstand kalkulierte Risiken eingehen. Der Wunsch, schuldlos zu bleiben, ist illusionär. Auch sind alte und kranke Christen mündig und meist vorsichtig. Sie können selbst entscheiden, ob sie zum Gottesdienst gehen.
Wieviel Bevormundung steckt in christlicher Fürsorge? Und: Ist Infektionsschutz tatsächlich gleich Nächstenliebe? Das frage ich mich und Sie.
Sebastian Kranich, Direktor der Evangelischen Akademie Thüringen

Zu
Nein. Ich verstehe nicht, warum die Kirchenleitungen jetzt so schnell auf Lockerung der Kontaktsperren in eigener Sache drängen. Religionsfreiheit? Die ist nicht eingeschränkt – ich könnte mich in jede Fußgängerzone stellen, die Bibel, den Koran oder das Dhammapada zitieren, ohne dass ich dafür belangt würde.
Eingeschränkt sind Versammlungen – so wie alle anderen Versammlungen auch. Es wäre ein solidarischer Akt, wenn die Kirchen jetzt keine Sonderrechte für sich beanspruchten.
Ja, ich verstehe, dass Menschen die Gottesdienste fehlen. Andere allerdings genießen gerade die neuen Formen, die vielerorts entstehen! Was wächst da alles an Neuem, das in die Zukunft reicht! Familien schauen gemeinsam Gottesdienste per Video am Frühstückstisch und sprechen darüber! Das Abendmahl wird wieder am Tisch zu Hause gefeiert, so wie es im Ursprung war.
Hat Jesus nicht gesagt "Immer, wenn ihr das tut, bin ich bei euch"? – Und "das" ist das Teilen des Brotes, wobei Brot im Neuen Testament immer für die Fülle der Dinge steht, die wir zum Leben brauchen. Also: "Wenn ihr teilt, was ihr zum Leben braucht, bin ich bei euch." Er hat nicht gesagt "Immer, wenn ihr das in einer Kirche tut".
Menschen halten die Kirche im Dorf offen, damit es einen Ort der Zuflucht und der Stille gibt in aufgewühlten Zeiten. Überall wachsen kleine Pflanzen eines fantasievollen Gemeindelebens. Wenn das jetzt schnell wieder ersetzt wird durch geordnete Feiern in großer Distanz, haben wir durch diese Krise nichts gewonnen.
Bleibt das Argument, dass ja die Läden auch schrittweise wieder öffnen. Und der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Das stimmt. Aber mit genau diesem Argument hätten sich die Kirchenleitungen bitte mutig an die Seite aller Künstlerinnen und Künstler, der Theater und Kleinkunstbühnen stellen sollen, die ebenso für Geist und Seele sorgen – und die diese Krise mit sehr viel stärkerer, existenzieller Wucht trifft als die Kirchen.
Nein, ich verstehe es nicht. Und es ist schade. Es wäre eine Chance gewesen, dem Neuen Zeit zu lassen, sich zu entfalten. Und nah bei denen zu bleiben, die gefährdet, krank und von der Krise ernsthaft bedroht sind. Vielleicht, vielleicht hätten wir eine neue Freiheit der Religion erleben können, was wäre das schön gewesen! 
Friederike Hempel,Gemeindepädagogin in Erfurt

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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