Nachgefragt
Haben Blinde in der EKM keine Lobby, Herr Fuhrmann?

In der überwiegend barrierefreien CVJM-Familienferienstätte Huberhaus in Wernigerode gibt es auch Angebote für Blinde und Sehbehinderte.
  • In der überwiegend barrierefreien CVJM-Familienferienstätte Huberhaus in Wernigerode gibt es auch Angebote für Blinde und Sehbehinderte.
  • Foto: huberhaus-wernigerode.de
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In der EKM gibt es faktisch seit 2012 keine Blinden- und Sehbehinderten-Seelsorge. Über den sogenannten Sonder-Seelsorgebereich in der EKM gibt Oberkirchenrat Christian Fuhrmann, Leiter des Gemeindedezernats, Antworten auf die Fragen von Willi Wild.

Was ist aus der Blinden- und Sehbehinderten-Seelsorge in der EKM geworden?
Christian Fuhrmann:
Die Blinden- und Sehbehindertenseelsorge ist zuerst in den Gemeinden angesiedelt. Seelsorge für blinde und sehbehinderte Menschen ist eine Herausforderung an die Inklusionskraft unserer Kirchengemeinden. Dies gelingt unterschiedlich. Eine große Unterstützung für die Umsetzung dieser Herausforderung sind Hinweise von sehbehinderten und blinden Mitarbeitenden in unserer Kirche.
Für die überregionale Arbeit mit Blinden und sehbehinderten Menschen stand über Jahre das Helmuth-Kreutz-Haus in Wernigerode zur Verfügung. Das Haus wurde über Jahre maßgeblich von einem Großspender und vielen kleineren Spenden finanziert. Seitdem diese Finanzierung weggebrochen ist springt das Huberhaus ein, beispielsweise mit der Fortbildung „Mit Blinden und Sehbehinderten unterwegs“.

Auch die Stelle des Gehörlosen-Seelsorgers in der EKM ist nach dem Weggang von Pfarrer Andreas Konrath nicht mehr besetzt worden. Handelt es sich dabei um eine weitere Einsparungsmaßnahme?
Die im August freigewordene Stelle für Seelsorge an Gehörlosen und schwerhörigen Menschen steht im Besetzungsverfahren. Es ist nicht ganz einfach, für diese sehr profilierte Stelle ausgebildete und geeignete Seelsorgerinnen und Seelsorger zu finden. Dazu kommt, dass sich in den letzten Jahren die Arbeit auch aufgrund neuer Unterstützungs- und Hilfesysteme für diese Menschen geändert hat.
Es ist zu beachten: Die Gehörlosengemeinschaft hat ein eigenes Selbstverständnis. Sie lebt eine eigene Kultur, die durch die Gebärdensprache als Muttersprache geprägt ist. Deshalb brauchen gehörlose Menschen für ihr Glaubensleben, für lebendige Gemeinschaft und seelsorgliche Begleitung Menschen mit gebärdensprachlicher Kompetenz.
Das schließt den inklusiven Gedanken keinesfalls aus. So ist ein Gottesdienst in leichter Sprache, mit visueller Gestaltung und einem Dolmetscher oder einer Dolmetscherin für Gehörlose in einer Kirchengemeinde einladend.
Ein Fachtag im September 2020 hat die Fragen nach den zukünftigen Gestaltungsformen der Arbeit mit Gehörlosen diskutiert. Für die Zukunft sind klare Beauftragungen mit gebärdensprachlicher Kompetenz in den Regionen unserer Landeskirche geplant. Wir stehen am Beginn der beschlossenen Neujustierung dieser Arbeit.

Verlässliche Seelsorge ist gerade in der kontaktarmen Corona-Krise eine wichtige Aufgabe der Kirche, das hat Landesbischof Friedrich Kramer mehrfach in der Kirchenzeitung betont. Davon kann derzeit in den genannten Bereichen der Sonder-Seelsorge keine Rede sein.
So pauschal stimmt das nicht. Nicht erst die Corona-Krise hat uns bewusst gemacht, dass die Seelsorge an unterschiedlichen Zielgruppen unter den heutigen Bedingungen eine besondere Herausforderung ist. Meiner Meinung nach müssen wir zweierlei anstreben:
Menschen mit körperlichen Einschränkungen müssen wir in unseren Gemeinden besser wahrnehmen. Es verstört mich, wenn Diskussionen um das Thema Barrierefreiheit unserer Kirchen als „Luxusthema“ abgetan werden. Menschen mit körperlichen Einschränkungen sind aktiv in unseren Gemeinden zu beteiligen. Das heißt, sie brauchen Bedingungen, die ihnen das aktive Mittun ermöglichen. Davon sind wir häufig weit entfernt.

Was halten Sie von dem Vorschlag des blinden Kantors Norbert Britze: „Wir sollten sämtliche Seelsorgebereiche für Menschen mit körperlichen Einschränkungen in einen Arbeitsbereich zusammenzufassen und mit Fachpersonal ausstatten; dann hätten wir ein starkes Sprachrohr für Inklusion“?
Hier sind alle Arbeitsebenen von Kirchengemeinden bis zur Landeskirche gefordert. In den Finanzverteilungsdebatten der Zukunft wird es darauf ankommen, die hier angesprochenen Herausforderungen im Blick zu haben. Das alles können wir nur miteinander leisten.

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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