Bethlehem im Burgenland

Mittelpunkt für den Betrachter im Torbogen des Ratsherren-Portals: Das neugeborene Jesuskind, umgeben von Maria und Josef. Es liegt symbolisch auf der Bibel. Maria mit offenem Blick in die Zukunft, damit will der Bildhauer die Charakterstärke dieser jungen Frau aufzeigen. Josef steht geerdet da, bereit für das Kind und seine Frau einzustehen, mit allen Konsequenzen.
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  • Mittelpunkt für den Betrachter im Torbogen des Ratsherren-Portals: Das neugeborene Jesuskind, umgeben von Maria und Josef. Es liegt symbolisch auf der Bibel. Maria mit offenem Blick in die Zukunft, damit will der Bildhauer die Charakterstärke dieser jungen Frau aufzeigen. Josef steht geerdet da, bereit für das Kind und seine Frau einzustehen, mit allen Konsequenzen.
  • Foto: Fotos: (4) Willi Wild
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Stille Verkündigung: Wer auf dem Naumburger Marktplatz steht, kann das Hinweisschild kaum übersehen. So erging es auch mir bei einem Besuch der Domstadt in der Adventszeit. Von journalistischer Neugier gepackt, gehe ich durch den Torbogen. Eine Weihnachtsgeschichte.

Von Willi Wild

Mit meiner Kamera gehe ich von der einen auf die andere Seite. So richtig zufrieden bin ich nicht. Eine Frau beobachtet mich: „Man bekommt kaum alles aufs Bild“. Ich nicke ihr zu. Während ich nach der passenden Perspektive suche, treten laufend Menschen hinzu. Großeltern stehen mit ihren Enkeln vor einem Bildschirm, auf dem ein Film über die Entstehung der Kunstaktion zu sehen ist. Eine Mutter, bepackt mit Einkaufstaschen, kommt mit ihren beiden Kindern durch den Torbogen des sogenannten Schlösschens in den Innenhof der Wenzelskirche gelaufen, und sie bleiben vor dem Ratsherren-Portal stehen.

Dort ist die Heilige Familie aufgebaut. Das Jesuskind liegt in Windeln gewickelt, auf einer blauen Decke und in einem zur Krippe umfunktionierten Buch, der Bibel liegend. Inspiriert von der Aussage aus dem Johannes-Evangelium, Kapitel 1, Vers 2: „Das Wort war bei Gott“. Daneben sitzt Maria auf einem Baumstumpf. Josef erleuchtet mit der Laterne den Gratulanten in der Heiligen Nacht den Weg zur Krippe. Ein Hirtenjunge setzt gerade die Flöte an den Mund. Einer der drei Könige will vor der Krippe niederknien und ein goldenes Gefäß überreichen. Vor ihm liegt eine Königskrone. Der Betrachter steht fast mittendrin im Geschehen. Das könnte auch daran liegen, dass der Künstler die Figuren nach lebenden Vorbildern erschaffen hat.

Der Blick schweift, und immer wieder erkennt man andere Details. Im Hintergrund ist leise Musik und die Weihnachtsgeschichte zu hören, abwechselnd in deutscher und englischer Sprache. Dazu kann man sich auf einer Holzbank niedersetzen. Coronakonform sind die Plätze abgetrennt.

Gerade in diesem Jahr ist die Darstellung der Weihnachtsgeschichte gut frequentiert, erklärt Pfarrerin Christina Lang. Der Weihnachtsmarkt musste wegen der aktuellen Verordnungen des Landes Sachsen-Anhalt zur Eindämmung der Corona-Pandemie abgesagt werden. So sorgt wenigstens die Weihnachtskrippe für eine besinnliche Stimmung. Für die Pfarrerin ist die Darstellung Verkündigung ohne viele Worte. Auch die Naumburger, ob kirchlich oder nicht, würden sich mittlerweile mit dem Projekt identifizieren.

Die Idee zur Weihnachtskrippe hatte die Betreiberin eines Spielwarengeschäfts der Stadt. Umgesetzt wird sie von Stefan Albert Hutter. Der Schweizer Künstler lebt seit mehr als 20 Jahren hier und hat sich in der Welterbestadt ein Atelier für Bildhauerei eingerichtet. Zunächst schuf er die Heilige Familie in Lebensgröße aus 140 Jahre alten Eichen. Die Figuren werden von ihm aus einem Stamm herausgehauen. Die Finanzierung der ersten Eichenstämme übernahm 2012 der Naumburger Bürgerverein. Ein Platz war schnell gefunden. Zwischen dem Naumburger Markt und der Wenzelskirche wird die Weihnachtskrippe seither im Advent aufgebaut und ist dort frei zugänglich bis zum 6. Januar zu erleben. Jedes Jahr kommt eine weitere Figur der Weihnachtsgeschichte dazu.

War es 2019 ein Kameltreiber, so hat Hutter in diesem Jahr einen großen, liegenden Ochsen im Stall errichtet, der seinen Kopf aus dem Stall reckt und die Szenerie überblickt. Der rechte Vorderhuf ist auf der Krippe abgestellt, als wollte er auf die Bibelstelle aus Jesaja 1, Vers 3a verweisen: „Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn“. So beschreibt der Bildhauer seine Inspiration. Die Studien dazu hat er im Appenzellerland in seiner Schweizer Heimat betrieben.

Von Anfang an habe die Stadt sich für das Kunstprojekt stark gemacht, so Hutter. Spenden wurden und werden eingeworben. Oberbürgermeister Bernward Küper (CDU) bat anlässlich seines 50. Geburtstag anstatt der Geschenke um Unterstützung des Vorhabens vor dem Ratsherrenportal von St. Wenzel. Eine Kaufhalle bietet kleine Holzfiguren zugunsten der Weihnachtskrippe an, und die Besucher vor Ort werden gebeten, die Weihnachtskrippe und die Errichtung weiterer Figuren durch einen Obolus zu unterstützen. Postkarten von der Figurengruppe tragen die Idee in alle Welt.

Vor sechs Jahren hat Hutter mit seiner Familie, in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt, im Wenzelskirchhof ein offenes Stadtsingen initiiert. Liedzettel mit Advents- und Weihnachtsliedern wurden verteilt. Inzwischen gibt es eine Großbildleinwand. Die Resonanz sei enorm, berichtet er. Leider muss auch diese junge Tradition wegen Corona in diesem Jahr ausfallen. So empfiehlt der Künstler, dann eben einfach nur die Weihnachtskrippe auf sich wirken zu lassen und sich mit dem Geschehen zu beschäftigen. Die „Naumburger Weihnachtskrippe“ ist für ihn ein mutmachendes Zeugnis zivilgesellschaftlichen Engagements: „Es ist eine Idee, die aus der Mitte der Gesellschaft heraus geboren und von den Bürgern der Stadt mitgetragen wurde und wird“, so Hutter.

In den vergangenen Jahren war neben dem Dom auch die Wenzelskirche sowie der Weihnachtsmarkt Anlaufpunkt für viele Touristen aus nah und fern. Dieser Ansturm sei in diesem Jahr ausgeblieben, erklärt Pfarrerin Lang. Der Heilige Abend werde in der Kirchengemeinde ebenfalls ganz anders als bislang gewohnt ablaufen.

Für die halbstündigen Gottesdienste würden diesmal Platzkarten vergeben, die sich die Gemeindeglieder und Besucher im Gemeindebüro nach dem Gottesdienst zum 4. Advent und in der Tourist-Information abholen können. Die Besucherzahl ist allerdings begrenzt. In den Dorfgemeinden des Pfarrbereichs würden die Gottesdienste überwiegend im Freien vor der Kirchentür abgehalten. „Wir hoffen auf passendes Wetter“, ist der Weihnachtswunsch nicht nur von Pfarrerin Lang.

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