Baum des Jahres
Wehrhaft und giftig

Baum des Jahres: Johann Wolfgang von Goethe erwähnte sie in einem Gedicht, Harry Potter setzt beim Zaubern auf ihre Kraft, und auch die Bibel kannte sie. – Was aber macht die Stechpalme so einzigartig?

Von Christine Süß-Demuth

Sie ist botanisch keine Palme und auch kein Export aus dem Süden: Die Stechpalme (Ilex) mit den schönen roten Früchten und den stacheligen, lederartigen grünen Blättern ist seit Jahrhunderten in Europa heimisch. Ihr Name hängt mit dem Palmsonntag zusammen. Nach katholischer Tradition wird am Sonntag vor Ostern mit einer Prozession an den Einzug Jesu in Jerusalem erinnert, der dort mit Palmwedeln begrüßt wurde.
Vielerorts werden dafür Zweige der Stechpalme und anderer immergrüner Gehölze zum Palmwedelstrauß gebunden. Dies beschrieb der Dichter Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) sogar in einem Gedicht: «Im Vatikan bedient man sich Palmsonntags echter Palmen … Muß im Gebirg zu diesem Brauch Stechpalmen gar verwenden.»
Die Blätter sind gezackt und piksen, wenn man sie anfasst. Dies soll auch die Dornenkrone Jesus symbolisieren; die kräftig roten Beeren sollen an das Blut Christi erinnern. Gemeinsam mit dem sattgrünen Laub verkörpern sie die Farben der Hoffnung und der Liebe.
Die Silvius Wodarz Stiftung mit Sitz im niedersächsischen Rehlingen kürte den immergrünen Ilex dieses Jahr zum «Baum des Jahres». Er wächst in dichten Laubwäldern eher buschig bis fünf Meter hoch. An hellen Standorten kann er 10 bis 15 Meter hoch werden. In der freien Natur ist er eine seltene Pflanze, wird aber als Zierstrauch in Gärten und Parks immer beliebter.
In Deutschland sei der «Ilex aquifolia», so der komplette botanische Name, ein Paradebeispiel für gelebten Artenschutz, erklärt Stiftungs-Präsident Stefan Meier. Der «Baum des Jahres» bereichere die biologische Vielfalt der Wälder und biete vielen Tier- und Insektenarten Nahrung und Lebensraum. Die Pflanze mit den volkstümlichen Namen Walddistel, Christusdorn oder Stecheiche ist besonders geschützt und darf nicht in der Natur gepflückt werden.
Schon die Römer nutzen die Zweige zur Dekoration. Im Laufe des 19. Jahrhunderts kamen sie dann derart in Mode, dass ganze Wagenladungen in den Wäldern geerntet wurden. Noch heute sind sie in der Weihnachtszeit besonders beliebt. In den USA gibt es sogar extra Stechpalm-Plantagen («holly-farms»).
Die Blätter und Früchte sind für Menschen allerdings giftig. In früheren Zeiten kamen Extrakte aus den Früchten als Heilmittel bei Fieber, Rheuma und Gicht zum Einsatz. Doch eine falsche Dosierung kann zum Tod führen. Die belaubten Zweige dienten in alten Zeiten gebündelt und an einem Seil befestigt auch zum Reinigen des Schornsteins. Symbolhaft wird der Stechpalme die Kraft zugeschrieben, das Böse abzuwehren und zu bannen. Dies überrascht Harry-Potter-Fans natürlich nicht. Denn sie wissen, dass Harrys Zauberstab aus dem hellen Holz einer Stechpalme geschnitzt wurde, in die – um die Zauberkraft noch zu stärken – ein Phönixfederkiel eingearbeitet war.
Verwendet wird das harte, zähe Holz des Ilex für Drechselarbeiten. Der Komponist Franz Liszt und auch der Schriftsteller Johann Wolfgang von Goethe hatten Spazierstöcke aus Stechpalmenholz – dessen Gehstock ist im Goethe-Haus in Weimar ausgestellt. Das elfenbeinfarbene Holz wird auch für Billardqueues sowie Klavier- und Orgeltasten verwendet. Für die Holzwirtschaft ist die Stechpalme jedoch uninteressant.
Die älteste Stechpalme Deutschlands mit einem Stammumfang von fast drei Metern steht im hessischen Ort Braunfels und ist rund 270 Jahre alt. Besonders wohl fühlt sich der Ilex aber im feuchten Klima des Atlantiks und bei milden Wintern. In Irland und England soll es Exemplare geben, die über 20 Meter hoch und um die 500 Jahre alt sind.
«Der Baum und der Mensch hängen zusammen», sagt Landschaftsarchitekt Nikolaus Fröhlich. Er absolviert in Freising ein Masterstudium Umweltschutz und Landschaftsplanung und wurde von der Baum-des-Jahres-Stiftung zum Baumkönig 2021 ernannt – als erster Mann. In allen Kulturen sei der Baum ein wichtiges Wesen, etwa als Sauerstoff- und Schattenspender.
Zudem sei er nützlich als Rohstoff und für die Ernährung – im Falle der Stechpalme allerdings nur für Vögel und Insekten. Fröhlich wünscht sich den strauchförmigen, immergrünen Ilex in vielen Hausgärten. Dabei sollte man jedoch männliche und weibliche Sträucher pflanzen, empfiehlt er. Denn nur letztere tragen rote Früchte.
«Stellen wir uns unsere Bäume als Romanfiguren vor», sagt Fröhlich, «so wäre der Ilex eine der spannendsten: Bunt gekleidet, wehrhaft und giftig, mit exotischer Verwandtschaft und doch irgendwie immer im Schatten der anderen.»

(epd)

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