«Shoah Stories»
Holocaust-Vermittlung im TikTok-Stil

Foto: Screenshot Shoah Stories

 Es ist ein Video, das tief bedrückt. "Hattest du in Auschwitz Angst vor dem Tod?", fragt darin ein junger Mann die Holocaust-Überlebende Lily Ebert. Ehe sie antwortet, denkt sie einen kurzen Moment nach. Dann sagt sie: "In Auschwitz hatte man keine Angst vor dem Tod. Man hatte Angst vor dem Leben." Über sechs Millionen mal wurde das fünf Jahre alte Video mit der 2024 gestorbenen Zeitzeugin aufgerufen. Das Video auf der Social-Media-Plattform Tiktok steht sinnbildlich für eine neue, digitale Art der Erinnerungskultur - und ist Teil einer Bildungsplattform zum Holocaust: Shoah Stories.

Von Daniel Zander

Berlin (KNA). Die neue Plattform shoahstories.video bündelt Kurzvideos von mehr als 20 Holocaust-Gedenkstätten, Museen und Bildungseinrichtungen weltweit, die auf Plattformen wie Tiktok veröffentlicht wurden, erklärt Samson Wollenberger-Schevitz. Er ist einer der Initiatoren des Projekts, das unter anderem vom Anne Frank Zentrum und der Hebräischen Universität Jerusalem unterstützt wird. Jugendliche sollen durch die kurzen Beiträge mit der Geschichte des Holocaust in einer zeitgerechten, digitalen Weise in Berührung kommen, so Wollenberger-Schevitz.

Online-Trend als Auslöser

Die Idee kam ihm, zusammen mit Tobias Ebbrecht-Hartmann von der Hebräischen Universität, vor fünf Jahren. "Auslöser für Shoah Stories war ein Online-Trend, bei dem sich Jugendliche als Holocaust-Opfer inszeniert haben", erzählt er. "Das ist natürlich höchst problematisch, aber da war klar: Auch wir müssen auf solche Plattformen, wir brauchen eine Gegenrede." Der digitale Raum dürfe nicht Falschnachrichten und Holocaust-Leugnern überlassen werden.

Hintergrund

Für die Ermordung der rund sechs Millionen Jüdinnen und Juden durch NS-Deutschland werden zwei Begriffe oft synonym verwendet: Holocaust und Schoah. Nach Angaben der weltweit größten Gedenkstätte dieses Völkermords, Yad Vashem in Israel, setzte sich der Begriff des Holocaust in Deutschland ab 1979 durch. In der ARD wurde damals die vierteilige Fernsehserie „Holocaust - Die Geschichte der Familie Weiss“ (USA 1978) ausgestrahlt.

Der Begriff entstammt dem griechischen Wort „holocauston“ und bedeutet „Brandopfer“, wörtlich übersetzt „ganz verbrannt“. Yad Vashem weist darauf hin, dass das Symbol des Brand- oder Sühneopfers insofern zwiespältig ist, da der Massenmord keine religiöse oder kultische Handlung war. Wegen des ursprünglich christlichen Hintergrundes verwenden Juden oft den Begriff Schoah.

Schoah kommt demnach aus dem Hebräischen und bedeutet „Katastrophe“. Generell wird mit beiden Begrifflichkeiten meist die Vernichtung der Jüdinnen und Juden in Europa unter den Nationalsozialisten gemeint. Manchmal werden bei der Verwendung des Begriffs Holocaust auch Ermordete anderer Gruppen, wie Sinti und Roma, mitgemeint.

Zunächst sei es ein Tabubruch gewesen, solche Beiträge zur Erinnerungskultur gezielt auf solchen Plattformen auszuspielen, sagt Wollenberger-Schevitz. "Aber es ist möglich, historisch korrekte und vor allem respektvolle Gedenkarbeit auf Tiktok und Instagram zu machen." Ziel war es demnach auch, die Gedenkstätten und Organisationen zu schulen und zu befähigen, eine junge Zielgruppe "in ihrer eigenen medialen Sprache" anzusprechen. So gebe es nun virtuelle Touren durch Gedenkstätten oder kurze Erklärungen zum Reinigen von Stolpersteinen.

Videos und Beiträge von mehr als 20 Gedenkeinrichtungen sind jetzt auf Shoah Stories zu finden, was so viel heißt wie "Geschichten des Holocaust". Knapp 10.000 Videos seien derzeit auf der Plattform, jede Woche sollen neue hinzugefügt werden. Teilnehmende Organisationen sind unter anderem die Gedenkstätte Buchenwald, das Anne Frank Haus in den Niederlanden, das Warschauer Ghetto Museum in Polen und das Holocaust Museum Los Angeles in den USA.

Materialien für Lehrkräfte

Doch nicht nur sollen Jugendliche in Einklang mit ihren Mediennutzungsgewohnheiten angesprochen werden, auch für Lehrer sei das Portal konzipiert worden. Shoa Stories stelle pädagogisch aufbereitete Materialien für Lehrer zur Verfügung, so Wollenberger-Schevitz.

Zu finden seien ganze Lehrpläne zu verschiedenen Themen, etwa zur Geschichte des Holocaust, zu Verschwörungstheorien oder zur Nachbereitung eines Gedenkstätten-Besuches. Die Lehrpläne seien dabei nach Altersgruppe, Länge der Schulstunde oder nach dem jeweiligen Land sortiert. Dazu könne in einer Videothek mit Schlagwörtern gezielt nach passenden Beiträgen für den Unterricht gesucht werden.

Immer mehr Zeitzeugen sterben

An dem Projekt ist auch die Alfred Landecker Stiftung, die sich gegen Antisemitismus und für eine aktive Erinnerungskultur einsetzt, beteiligt. "Vor dem Hintergrund, dass immer mehr Zeitzeugen sterben, wollen wir verhindern, dass Erinnerung verblasst", sagt Co-Geschäftsführerin Lena Altman. "Wer prägt das historische Bewusstsein der nächsten Generation? Es sind zunehmend die digitalen Räume, die dort wirken."

Wenn Erinnerung nur dort stattfinde, wo Kinder und Jugendliche sie aktiv suchen müssten, könne es nicht funktionieren. "Wir müssen lernen, präziser zu werden, und wir brauchen exzellentes Storytelling. Nicht, weil wir verkürzen wollen, sondern weil wir uns in den digitalen Räumen die Aufmerksamkeit holen müssen."

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Online-Redaktion

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