Heiligabend
Die längsten Stunden des Jahres

Die Zeit will einfach nicht vergehen. «Wann ist endlich Bescherung?» ist wohl die Frage, die Eltern von ihren Kindern an Heiligabend am häufigsten hören. Beim Warten ist Geduld gefragt. Und die will gelernt sein.

Von Dieter Sell 

Für Lasse sind die Stunden vor der Bescherung an Heiligabend die längsten des Jahres. Sie seien es, «von denen die Menschen grauhaarig werden», sagt er seiner kleinen Schwester Lisa. Und ihr gemeinsamer Bruder Bosse klopft ab und zu an die Uhr, weil er glaubt, sie sei stehengeblieben. Was die schwedische Autorin Astrid Lindgren in ihrem «Bullerbü»-Klassiker über das Weihnachtsfest schreibt, kennen wohl viele Kinder: Das Warten auf die Geschenke stellt sie auf eine harte Geduldsprobe.

Wenn die Weihnachtsstube dann noch wie bei den Bremer Jungs Jonah und Felias so wunderbar nach Lebkuchen und Bienenwachs-Kerzen duftet und dazu der Christbaum leuchtet - wo soll dann die Geduld herkommen? «Geschenke auspacken und dann damit spielen», das sei das Größte an Weihnachten, sagt der fünfjährige Jonah. Von seinem kleinen Bruder, zweieinhalb Jahre alt, kommt da ein zustimmendes Nicken. Mit dieser großen Lust trotzdem warten, geht das überhaupt?

Die Eltern habe gute Erfahrungen mit Ritualen gemacht, die den 24. Dezember strukturieren und dabei helfen, die Zeit bis zur Bescherung auszuhalten. «Das beginnt mit einem ausgedehnten Frühstück, zu dem gerne Gäste dazukommen», beschreibt Papa Göran Ahrens. Später wird gemeinsam gekocht. Und auch ein Spaziergang gehört am Heiligabend dazu, bei dem die Kinder nach beleuchteten Tannenbäumen Ausschau halten. «Ich hab die meisten gefunden», erinnert sich Jonah an das vergangene Jahr.

Je jünger die Kinder sind, desto mehr Hilfe brauchen sie beim Überbrücken von Wartezeiten, sagt die Erziehungsberaterin Gabriele Borchers, die zum Online-Team der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung gehört. Rituale können da auch aus ihrer Sicht unterstützen: «Da könnte beispielsweise etwas vorgelesen oder ein Märchen gehört werden. Einen Spaziergang machen, ein Bild malen, nachmittags in den Familiengottesdienst gehen, Baumschmuck basteln - das sind alles Ideen, die helfen können.»

«Rituale», betont Borchers, «sind Festhaltepunkte im Leben». Das gelte nicht nur an Weihnachten und besonders in unruhigen und ungewissen Zeiten wie jetzt gerade. Geduld wird niemandem in die Wiege gelegt, lässt sich aber lernen, bekräftigt die Expertin, die das Psychologische Beratungszentrum der evangelischen Kirche in Düren zwischen Köln und Aachen leitet. Das gehe zwar nicht bei Babys und Kleinkindern, bei denen die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung im Vordergrund stehe. Aber ab dem zweiten, dritten Lebensjahr sei schon viel möglich.

Am besten gelinge das Warten, wenn es einen klaren und verlässlichen Ablauf gebe. Also die Kinder nicht auf «gleich» oder «später» vertrösten, sondern konkret beispielsweise sagen: Nach dem Telefonat geht es los - und dann auch ganz bestimmt.

Dazu kommt: Eltern spielen als Vorbilder eine wichtige Rolle. «Je geduldiger sie sind, desto besser können sie diese Eigenschaft auch vermitteln», meint Borchers. Und natürlich müsse Geduld geübt werden.
«Wenn ansonsten alles sofort da ist, dann ist für ein Kind überhaupt nicht nachvollziehbar, warum es an Weihnachten warten soll.»

Geduld üben, das geschieht bei Göran Ahrens und seiner Partnerin Caroline Reinhold ganz nebenher im Alltag - und in der Adventszeit besonders, wenn sie mit den Kindern einen Adventskalender gestalten, etwas spielen oder Lebkuchen backen. Wenn allerdings alle vom Heiligabend-Spaziergang zurück sind und dann noch eine Kaffeerunde und gemeinsames Singen anstehen, dann wird es für Jonah und Felias doch ganz schön kribbelig. «Da fängt die Ungeduld wirklich an», sagt Papa Ahrens.

Dass sich Geduld auch langfristig lohnt, zeigte in den 60er Jahren der Marshmallow-Test, mit dem Forscher aus den USA die Geduld von vierjährigen Kindern auf die Probe gestellt haben. Die «Spielregel»
dazu: Der Versuchsleiter geht aus dem Raum und kann mit einer Glocke zurückgerufen werden. Dann gibt es einen Marshmallow. Wer aber wartet, bis der Mann von selbst zurückkommt, bekommt zwei. Viele Jahre später zeigte sich: Die Kinder, die gewartet hatten, waren bessere Schüler und als Erwachsene erfolgreicher.

«Wer geduldig ist, wer langfristig ein Ziel verfolgen kann, wer sich nicht von Rückschlägen aus der Bahn werfen lässt, der ist auch erfolgreicher», verdeutlicht Borchers. Aber Geduld hin, Warten her:
Für Caroline Reinhold ist Weihnachten vor allem deshalb so schön, weil dann reichlich Zeit ist, um zusammenzukommen - «mit der Familie und mit Freunden».

Und so geht es auch den Kindern aus Bullerbü: Nachdem Lasse, Bosse und Lisa - endlich - ihre Geschenke auspacken konnten, wird mit der Nachbarschaft gefeiert: «Alle aus ganz Bullerbü kamen zu uns und tanzten um unseren Baum.»

(epd)

Autor:

Beatrix Heinrichs

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