Rolf Wischnath mit Gedanken zum Mauerfall-Jubiläum
Zornige Revolution

Rolf Wischnath (l.) und der damalige Bundes-beauftragte für die Stasi-Unterlagen, Joachim Gauck, 1996 bei einer Podiumsdiskussion zum Thema "Kirchenleitende Verantwortung innerha​lb der DDR-Strukturen in Berlin"
  • Rolf Wischnath (l.) und der damalige Bundes-beauftragte für die Stasi-Unterlagen, Joachim Gauck, 1996 bei einer Podiumsdiskussion zum Thema "Kirchenleitende Verantwortung innerha​lb der DDR-Strukturen in Berlin"
  • Foto: Foto: epd-bild/Rolf Zöllner
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Es ist nicht einfach, das Geschehen vor 30 Jahren auf einen Nenner zu bringen. „Wende“ geht nicht, weil Egon Krenz der Urheber dieses verharmlosenden Wortes war und er glaubte, damit eine wetterwendische, opportunistische Änderung des „Regierungshandelns“ in der DDR durchkriegen zu können.
Aber die sich nun durchgesetzt habende Rede von der „Friedlichen Revolution“ ist auch zweifelhaft. „Friedlich“ kann auch heißen „friedsam“ und „gutmütig“. Ungebrochen ist die Lüge von der „friedlichen Nutzung der Kernenergie". Und „friedlich“ war im politischen Bereich damals auch verbunden mit der „friedlichen Koexistenz“ zwischen Ost und West: ein Stillhalteabkommen. In der Revolution vor 30 Jahren ging es aber nicht mehr um Frieden zwischen den damals Regierenden und der Opposition. Es ging viel weiter. Wodurch?
Im Karl-Barth-Jahr entdecke ich eine Predigt, die Karl Barth vor hundert Jahren in Safenwil gehalten hat. Dort finde ich ein zweites Adjektiv für „Friedliche Revolution“ – nämlich „zornig“:
»Wer nicht zürnen kann, der ist ein Lump. Gerade gegen die Lüge z. B. gibt’s nichts anderes als Zorn, wenn sie uns begegnet. Wer es mit Gelassenheit ertragen kann, mitanzusehen, was der Größenwahn der Menschen für Verheerungen anrichtet, der hat jedenfalls nichts Heiliges zu hüten. Zorn ist Ablehnung, Widerspruch, entschiedenes Nein, und das mit Leidenschaft, aus vollem Herzen. Gott braucht diesen gerechten Zorn, wie man ein scharfes Messer braucht oder ein gefährliches Gift in der Medizin« (Karl Barth, Predigt zu Eph 4,25-5,2, in: Predigten 1919 , 252).
Gibt es einen besseren Kommentar zu dem, was in der „Friedlichen Revolution“ auch war: Zorn über die betonierten Verhältnisse und ihre Handlanger und Mielkes Staatssicherheitsdienst? Und gilt es nicht heute auch für eine schlechterdings notwendige Haltung, wie wir sie alle in diesen Tagen aufbringen müssen?
Zorn, Zorn, Zorn gegen die Pest der Juden-feindschaft. Zorn gegen den Verbalterrorismus. Zorn gegen die daraus entstehende Gewalt. Zorn über die AfD und ihren Dauerton der Maßlosigkeit, Hetze im Jargon von Bandenmitgliedern, Verachtung des Individuums, ihre Lügen. Was bitte soll an der AfD nur „konservativ“ und „bürgerlich“ sein? Zorn gegen die Gleichgültigkeit.
Zorn ist nicht Hass. Zorn ist nicht Wut. „Zorn ist Ablehnung, Widerspruch, entschiedenes Nein, und das mit Leidenschaft, aus vollem Herzen“, predigt Barth. Dem Hass gilt der Zorn. Zorn muss nicht Bestimmer unserer Gefühle sein. Zorn verursacht nicht Kontrollverlust. Zorn kann viel mehr starker, nach außen gekehrter Ärger über Ungerechtigkeit und Unrecht sein. Zorn kann helfen, Unrecht entschieden anzugehen, zu benennen und selbst barmherzig zu handeln oder andere zum Handeln zu bewegen. Und so war die "Friedliche Revolution“ doch nun nicht einfach nur „friedlich“. Sie war doch auch „zornig“ – zurecht, zurecht. Und Ergebnis dieses Zorns war und bleibt der Friede.
Vom „Zorn Gottes“ spricht die Bibel. Sein Zorn gilt unserem Abfall und ihrer Lüge. Unser Zorn könnte bestenfalls eine demütige Entsprechung dazu sein.

Der Autor ist Professor für Evangelische Theologie an der Universität Paderborn. Zwischenruf von Rolf Wischnath "Wer nicht zürnen kann, ist ein Lump. Gerade gegen die Lüge gibt es nichts anderes als Zorn"

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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