Predigt
Wettlauf ohne Ziel
- hochgeladen von Mirjam Petermann
Die Heilung am Teich Betesda Joh. 5,1-16
Ein Wettlauf zur Heilung taugt nicht. Dann passiert das, was Johannes uns beschreibt: Nur einer kann gewinnen, wenn der eine entscheidende Moment kommt, in dem sich das Wasser bewegt. Und so warten die Kranken, Blinden, Lahmen, Ausgezehrten. Sie warten lange, vielleicht ihr ganzes Leben lang.
von Ulrike Weyer
Eine Wüste am Wasser, in der die Menschen verdursten. Aus ihren Augen blickt Hoffnungslosigkeit, aber auch Lebensgier, die bereit ist, andere beiseite zu stoßen, um gesund zu werden. Ich frage mich, was Jesus an diesem Ort berührte: Hilflosigkeit oder Lebenswille oder der latent spürbare Egoismus, den man in diesem Wettlauf braucht?
Aus der Menge wird ein Mensch sichtbar. Wir erfahren seinen Namen nicht, aber sein Schicksal: 38 Jahre krank und kein Gewinner. Er ist einer von den Verdurstenden. Ich stelle mir seine Situation trostlos vor: Wie viele kluge Ratschläge hat er zu hören bekommen? Wie oft wurde er gedrängt, sich doch anzustrengen, um gesund zu werden? Er musste mental überleben, einen letzten Funken Hoffnung bewahren. Das taugt zum Überleben auf kleiner Flamme. Doch Leben ist mehr als Dahinvegetieren. Es ist mehr, als darauf zu warten oder zu gieren, der Gewinner zu sein.
Jesus sieht ihn, spricht ihn an. Das öffnet die ausweglose Situation: Es ist nicht mehr wichtig, der Erste zu sein. Es ist nicht mehr wichtig, Tag und Nacht auf den einen Moment zu lauern, in dem andere schwach sind. Die Berührung durch einen Blick und ein Wort verändert den Menschen. Etwas in ihm wird heil. Er wird fähig, seine Matte zu nehmen und den Ort seiner Krankheit zu verlassen. Ein Wettlauf taugt nicht zur Heilung. Wie könnte unsere Welt aussehen, in der sich Menschen ansehen und ansprechen lassen, in der sie Verantwortung übernehmen, anstatt danach zu gieren, Gewinner zu sein? Wer sich von Jesus rufen lässt, der gewinnt Heilung und Leben.
Die Autorin ist Superintendentin in Plauen.
Autor:Online-Redaktion |
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