Wort zur Woche
Wenn der Bauch die Sicht verstellt

Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.
Lukas 18, Vers 31

Jesus spricht seine Jünger, er spricht uns an. Er sagt nicht: Los, wir gehen. Jesus sagt: Seht, wir gehen.Seht euch das an: Wir gehen nach Jerusalem. Das wird kein Triumphzug, kein Siegesmarsch, auch wenn mancher am Straßenrand Hosianna ruft. Der Weg von Jesus ist der Weg in die Vollendung. Das Wort Ende soll dabei nicht überhört werden. Von der Schlachtbank ist bei den Propheten die Rede, wenn sie vom Knecht Gottes sprechen. Sie sagen, dass man sich über seine zerschlagene Gestalt entsetzen wird. Jesus selbst spricht vom Verspotten, Foltern, Anspucken, Auspeitschen und Töten.
Kein Wunder, dass die Jünger nicht begreifen, was er da sagt. Sein Kampf ist unser Sieg, sein Tod ist unser Leben. Wenn er gefesselt wird, gewinnen wir die Freiheit. Begreifen wir das? Ist es nur eine sprachliche Veränderung, wenn im Umgangston die Fastenzeit immer mehr die Passionszeit verdrängt? Verstellt uns der Blick auf den Bauch die Sicht auf das Kreuz?
Seht euch das an: Sie gehen hinauf nach Jerusalem, Jesus und seine Freunde. Sie kommen auf dem Weg in die Nähe von Jericho, und da sitzt ein Blinder am Weg und bettelt. Er fragt nach, wer da vorbeigeht, erkennt sofort, wer da kommt, und bittet Jesus um Erbarmen. Durch seinen Glauben wird er sehend, er kann sehen, was er längst erkannt hat. Erkenne ich in Jesu Weg hin zum Ende die Vollendung?
Das Kirchenjahr wird stiller. Ab Mittwoch verstummen Halleluja (nach der neuen Perikopenordnung) und Gloria. Sieben Wochen Konzentration auf das, was ich gern verdränge. In diesem Jahr: Mal ehrlich – sieben Wochen ohne Lügen; ohne die kleinen Notlügen und Zeit für den Mut, einmal hinzusehen auf die großen, mit denen wir uns etwas vormachen. Seht euch das an: Wir gehen mit Jesus dem Ziel entgegen. Es sieht aus wie ein Ende, aber in ihm verbirgt sich die Vollendung. Sein Kampf ist unser Sieg, sein Tod ist unser Leben. Auch wenn es anders scheint, aber das ist gewisslich wahr.

Pfarrer Karsten Müller, Johanneskirche in Halle

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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