Jubiläum
Luthers liebes Haus

Foto: Stiftung Lutherhaus Eisenach/A.-L. Thamm
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Es gehört zu den schönsten Fachwerkhäusern in Thüringen, und es ist alt: 670 Jahre. Doch nicht dadurch ist das Gebäude weltberühmt, sondern durch einen Schüler, der hier zwischen 1498 und 1501 bei der Patrizierfamilie Cotta zu Gast war: Martin Luther.

Von Uta Schäfer

Zufallsbesucher lassen sich vom schmucken Äußeren anlocken und stehen unvermutet in einem modernen Museum, einem evangelischen in kirchlicher Trägerschaft – eine Konstellation mit Seltenheitswert – und das seit 70 Jahren. Es war Moritz Mitzenheim, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen, der den Hauserwerb einst betrieb, um hier die wertvollen Bestände des evangelischen Pfarrhausarchivs unterzubringen und eine Reformationsstätte zu etablieren, die sich staatlicher Kontrolle entzog. Zu dieser Zeit versuchte die DDR, die Reformation und ihre bekannten Orte im Sinne ihrer Ideologie umzudeuten.

1956 wurde schließlich das Lutherhaus in Eisenach als Gegenpol dazu eröffnet. Von da an präsentierte man hier Ausstellungen in kirchlicher Verantwortung zu Luther und der Reformation, zur Bibel und zur Geschichte des evangelischen Pfarrhauses, das ja auf Martin Luther zurückgeht.

„Wir können diese sehr bewusste Entscheidung der damaligen Landeskirche nur bewundern, einen eigenen Ort zu schaffen, um die Wirkungen der Reformation und ihre politische Dimension zu vermitteln. Und wir müssen feststellen, dass uns aktuell wieder die gleichen Fragen beschäftigen wie damals in den 1950er-Jahren“, so Jochen Birkenmeier, Direktor des Lutherhauses, das heute eine Stiftung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland ist.

In Vorbereitung des Jubiläums „500 Jahre Reformation“ wurde das Lutherhaus 2013 bis 2015 umfassend saniert und durch einen Erschließungstrakt sowie Flächenanmietung erweitert, um heutigen Nutzeransprüchen gerecht zu werden. Die unter Denkmalschutz stehende Gebäudestruktur blieb erhalten, und so laden die vielen kleinen thematischen Räume zu einer Entdeckungs- und Bildungsreise durch die Jahrhunderte ein, inklusive der berühmten „Lutherstuben“ von 1356.

Auf 700 Quadratmetern zeigt die Dauerausstellung „Luther und die Bibel“ zahlreiche historische Exponate, ergänzt durch Hörstationen, Filme und interaktive Medienstationen. Wir erfahren, wie Luthers berühmter Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ und so manche Bibelstelle durch unterschiedlichste Interessengruppen und politische Strömungen umgedichtet und instrumentalisiert wurden. Auch über die internationale Wirkung von Luthers Bibelübersetzung und deren Bedeutung für die Herausbildung der deutschen Schriftsprache wird informiert. Mit Jochen Birkenmeier zeichnet seit 2013 ein Historiker für das Haus verantwortlich, der zur Reformationsgeschichte promovierte und zuvor die Dauerausstellung „Luthers letzte Reise“ in dessen Eislebener Sterbehaus kuratierte.

Die aktuelle Impulsausstellung „Jugend, Gott und FDJ – Der Kampf gegen die Kirchen in der frühen DDR“ trifft bei den Besuchern je nach Sozialisierung auf unterschiedliche Resonanz. „Gerade das ist uns wichtig, denn wir zeigen Hintergründe auf und beleuchten an persönlichen Schicksalen das Ringen um Glaubens- und Gewissensfreiheit, aber auch Flucht, Anpassung und Kooperation mit dem SED-Staat. Es braucht Verständnis für unterschiedliche Biografien und die Einsicht, dass die Vergangenheit die Gegenwart prägt“, so Birkenmeier.

In Vorbereitung sei deshalb auch eine neue Impulsausstellung zur Rolle der evangelischen Kirche während der Friedlichen Revolution von 1989. „Es ist eine große Chance, als Haus in kirchlicher Trägerschaft bei diesem Thema eigene Akzente zu setzen.“ Die meisten Besucher kommen aus den alten Bundesländern, etwa ein Drittel aus Thüringen und rund 17 Prozent aus dem Ausland. Touristen ohne christliche Vorbildung nehmen zu, denn Luther und die Reformation gehören häufig nicht mehr zur Kernbildung. In Mitteldeutschland stehe das Thema allerdings noch auf dem Schullehrplan. Trotzdem seien manche Lücken zu füllen, so der Direktor.

Auch das Lutherbild habe sich verändert, kritische Töne überwiegen. „Wir zeigen viele Facetten seiner Persönlichkeit und sehen in dieser Ambivalenz eine Chance, Grundsatzfragen zu verhandeln.“ Antikirchliche Ressentiments, ob aus der Geschichte oder von aktuellen Nachrichten gespeist, spielen im Besuchergespräch immer wieder eine Rolle. Deshalb klammere man gerade schwierige Themen nicht aus und präsentiere die einstige Sonderausstellung „Erforschung und Beseitigung. Das kirchliche ,Entjudungsinstitut‘ 1939–1945“ nun dauerhaft. Die Deutschen Christen hatten die Gründung dieser Einrichtung in Eisenach betrieben, um Kirche und christlichen Glauben von ihren jüdischen Wurzeln abzutrennen und an die nationalsozialistische Ideologie anzupassen.

Die museumspädagogischen Angebote in historischer Schulstube oder „Luthers Werkstatt“ werden von Privatpersonen sowie Klassen- und Konfirmandengruppen gern gebucht.

Gleich um die Ecke wirbt auch das Bachhaus um Besucher. Ist das Konkurrenz? Jochen Birkenmeier verneint. „Wir wachsen oder schrumpfen gemeinsam, denn wir verstärken einander. Deshalb probieren wir in diesem Jahr erstmalig ein Kombiticket zu reduziertem Preis und mit langer Gültigkeit aus.“ Und noch ein Aspekt sei wichtig: „Auch Menschen, die sonst nie ein kirchliches Gebäude betreten würden, bekommen bei uns Hintergrundwissen zu christlichem Glauben und seiner Wirkkraft in Vergangenheit und Gegenwart vermittelt. Und wir feiern gemeinsam.“

Festprogramm
Am 17. Mai feiert das Lutherhaus seine offizielle Gründung mit einem Museumsfest. Die Ausstellungen können von 10 bis 18 Uhr kostenfrei besucht werden.
Kuratorenführungen werden 11 und 16 Uhr angeboten. In Luthers Werkstatt wird von 13 bis 16.30 Uhr zu Kalligraphie, Linoldruck und Quiz eingeladen. Um 17. 15 Uhr beginnt die Feierstunde mit Landesbischof Friedrich Kramer. Auch die Kirchenzeitung ist vor Ort.

lutherhaus-eisenach.com

Foto: Stiftung Lutherhaus Eisenach/A.-L. Thamm
Foto: epd-bild/Jens-Ulrich Koch
Jochen Birkenmeier | Foto: Thüringer Tourismus/Florian Trykowski
Einladung zur Bildungsreise: In Vorbereitung des Jubiläums „500 Jahre Reformation“ wurde das Lutherhaus 2013 bis 2015 umfassend saniert und bietet wechselnde Ausstellungen. | Foto: Stiftung Lutherhaus Eisenach/A.-L. Thamm
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