Schönster Herr Jesu ...
YOUR OWN PERSONAL JESUS

Der Sonntag Exaudi gehört zu den merkwürdigsten Tagen des Kirchenjahres. Christus ist fort. Und der Geist noch nicht da. Die Kirche besaß kein Denken - keine Sprache. Sie hatte keine Sicherheit in Dogmatik, keine Liturgie in der späteren so überaus vollendeten Gestalt. Sie taumelte gleichsam zwischen Himmel und Erde wie ein Mensch, dessen Geländer plötzlich zu Ende ist und fehlt.

Gerade deshalb ist dieser Sonntag vielleicht der modernste aller Sonntage. Denn genau so leben viele Menschen heute. Sie haben einmal geglaubt, haben gesungen, gebetet, vertraut — und plötzlich scheint alles verschwunden zu sein. Die vertrauten Stimmen schweigen. Der Himmel antwortet nicht. Und man sitzt da wie die Jünger nach der Himmelfahrt: ohne sichtbaren Christus und ohne spürbaren Geist.

Vielleicht aber ist das überhaupt die eigentliche menschliche Situation.

Wir leben aus Erinnerungen. Wir leben aus Worten. Wir leben aus Texten. Der Mensch wohnt nicht nur in Häusern. Er wohnt in Erzählungen. Darum hatte Marcel Reich-Ranicki recht, als er von der „portativen Heimat“ sprach — jener Heimat, die man mitnehmen kann. Bücher. Gedichte. Psalmen. Evangelien. Die Heilige Schrift ist in diesem Sinne kein Möbelstück der Religion, sondern eine tragbare Wohnung des Geistes. Der Mensch trägt sie durch Zeiten der Freude und durch Nächte der Verlassenheit. Und genau in eine solche Nacht hinein spricht der Prophet Jeremia seine Verheißung:

„Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen.“

Man hört diesen Satz oft zu harmlos. In Wahrheit ist er gefährlich. Denn wenn ein neuer Bund nötig wird, dann bedeutet das: Der alte trägt nicht mehr. Etwas ist zerbrochen. Vertrauen ist zerstört worden. Die bestehende Ordnung genügt nicht mehr. Und weil Religion und Politik in der alten Welt kaum voneinander getrennt waren, ist dieser prophetische Satz zugleich religiöse und gesellschaftliche Kritik. Jeremia erklärt seiner Zeit: Ihr könnt nicht ewig so weitermachen.

Das Erstaunliche besteht nun darin, dass das alttestamentliche Gottesvolk diesen kritischen Text nicht beseitigt hat. Er wurde nicht verbrannt. Nicht zensiert. Er wurde heilige Schrift. Eine Religion nahm ihre eigene Krise in ihr Gedächtnis auf. Das ist geistige Größe. Die Christen gingen später noch einen Schritt weiter. Sie sagten: Dieser neue Bund ist unser Christus selbst. Man hat sozusagen diese Hoffnung auf einen neuen Bund für sich gekapert. Zugegeben - das ist etwas grenzwertig formuliert. Aber an dieser Stelle beginnt eine wichtige Frage aufzutauchen: Haben die Piraten die Hoffnung  auf den "Neuen Bund" wirklich verstanden? Oder haben sie ihn an sich gebracht, ohne seine innere Schärfe zu verstehen? Christus ist nicht einfach eine historische Figur wie Caesar oder Napoleon. Er ist eine Gestalt, die sich ständig verwandelt hat im Bewusstsein der Menschen. Die Christenheit hat ihn gesungen, gemalt, gekreuzigt, erhöht, verklärt, beweint und angebetet. Jede Epoche schloss ihren eigenen Bund mit ihm.

Man sieht das sehr schön an der Kunstgeschichte. Die frühen Kreuze zeigen fast immer den ruhenden Christus des Viernageltypus. Hier wirkt der Leib königlich. Er schwebt mehr, als dass er leidet. Später (ab dem 12. Jahrhundert etwa) erscheint auch der Dreinageltypus und setzt sich besonders in der Barockzeit endgültig durch. Der Körper krümmt sich. Der Schmerz tritt hervor. Die Mystik des Leidens gewinnt Macht. Noch später entstehen Darstellungen, in denen die Folterdarstellung noch brutaler und naturalistisch wirken soll.

An diesem Beispiel zeigt sich etwas Tiefes: Der Mensch schaut nie nur auf Christus. Er schaut immer zugleich auf sich selbst. Jede Christusdarstellung verrät eine Epoche. Und vielleicht gilt das sogar für unsere Lieder.

„Schönster Herr Jesus“ — diese innige deutsche Frömmigkeit voller warmer Harmonik im Evangelischen Gesangbuch Nr. 403. Und gleich daneben Johnny Cash mit seinem „Personal Jesus“. Zwischen beiden Liedern liegen Welten. Aber beide suchen denselben geheimnisvollen Mittelpunkt. Beide versuchen, eine Beziehung herzustellen zu jener Gestalt aus Nazareth, um die Dome gebaut, Kriege geführt, Tränen geweint und Hoffnungen gesammelt wurden.

Vielleicht besteht der neue Bund genau darin: dass Gott sich nicht mehr in Stein tafeln lässt, sondern in das wandernde Herz des Menschen einschreibt. Jeremia sagt später: „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben.“ Nicht mehr die äußere Ordnung trägt den Glauben, sondern die innere Bewegung der Seele.

Deshalb ist Exaudi kein bloßer Sonntag der Abwesenheit. Er ist die Schule des Wartens. Die Kirche lernt hier, dass sie nicht von religiösem Besitz lebt, sondern von Erwartung. Der Mensch wird geistlich erwachsen, wenn er auch ohne sichtbare Wunder weiterliest, weiterbetet, weitersingt.

Vielleicht ist das die eigentliche Form des Glaubens in unserer Zeit: nicht triumphales Wissen, sondern treues Ausharren in einer Welt, in der Himmel und Schweigen oft ununterscheidbar geworden sind.

Autor:

Matthias Schollmeyer

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