Predigttext
Vorletztes und Letztes

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Ach dass du mich im Totenreich verwahren und verbergen wolltest, bis dein Zorn sich legt, und mir ein Ziel setzen und dann an mich denken wolltest!
Hiob 14, Vers 13

Warum ist das Licht gegeben den Mühseligen und das Leben den betrübten Herzen?“ fragt Hiob (3,20, höre Brahms Op. 74,1). Seine Frage ist auch heute die Frage der meisten Menschen dieser Erde. In dem Film „Kapernaum“ verklagt ein zwölfjähriger Junge seine Eltern, weil sie ihn zur Welt gebracht haben. Für ein Flüchtlingskind ohne Papiere in Beirut gibt es keine Zukunft, die diesen Namen verdient. „Warum bin ich nicht gestorben bei meiner Geburt“, fragt es wie Hiob. Der allerdings hatte zumindest schon alles gehabt, was man sich wünschen kann. Ist Gott zornig, ist Gott ungerecht? Wie ist das möglich?
Zusammen mit dem Evangelium vom Weltgericht wird die individuelle Frage zur Menschheitsfrage. Warum gibt es Arme und Reiche? In früheren Epochen hätte man selbstverständlich geantwortet: Damit die Reichen barmherzig an den Armen handeln. Eine solche Antwort würden wir heute nicht mehr durchgehen lassen. Doch obwohl wir die „richtigen“ Antworten sehr gut kennen, existieren Armut und Elend in unerhörtem Ausmaß weiter. Die alte Antwort hat sich also durchaus nicht erübrigt …
Existenzielles Elend gibt es freilich selbst im Wohlfahrtsstaat. Die Verzweiflung bei Hiob speist sich schließlich aus dem Schrecken vor der Endgültigkeit des Todes. („Ein Baum hat Hoffnung, wenn er abgehauen ist …, stirbt aber der Mensch, so ist er dahin … Wo ist er?“ „Meinst du, einer stirbt und kann wieder leben?“) Deswegen ist es richtig, dass die neue Leseordnung den Hiob-Text vom Drittletzten Sonntag erheblich erweitert hat.
Hiob sucht einen Ort, an dem er sich vor dem Zorn Gottes verbergen könnte. In seiner Verzweiflung richtet er all seine Hoffnung auf das Totenreich. Dort würde er wachen, bis Gott ihn anhören will. Denn undenkbar ist für ihn, dass sein Gott die Niederlage des Gerechten als letztes Wort stehen lässt. Doch das ist eine schwache Hoffnung: „Du würdest rufen und ich dir antworten.“ Das Evangelium bringt mehr Gewissheit, freilich nicht ohne Drohung. Erst beide Lesungen gemeinsam machen eine wirklich frohe Botschaft: „Du würdest meine Übertretungen in ein Bündlein versiegeln und meine Schuld übertünchen.“ 

Sven Baier, Kreisoberpfarrer des Kirchenkreises Bernburg

Sven Baier, Kreisoberpfarrer des Kirchenkreises Bernburg
Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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