Thüringen
Jesiden befürchten Wende in der Asylpolitik

Zehntausende Freiwillige engagieren sich in Deutschland in der Flüchtlingsarbeit. Unter den Geflüchteten sind auch kurdischsprachige Jesiden.  | Foto: epd-bild/Dieter Sell
  • Zehntausende Freiwillige engagieren sich in Deutschland in der Flüchtlingsarbeit. Unter den Geflüchteten sind auch kurdischsprachige Jesiden.
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Erfurt (epd). Die jesidische Gemeinde in Thüringen ist in Sorge vor einer möglichen Wende der deutschen Asylpolitik gegenüber der Religionsgemeinschaft. Die Abschiebung einer jesidischen Familie aus Brandenburg, obwohl sie mit dem Nordirak aus einer unsicheren und instabilen Region stammt, sei ein Warnsignal, sagte der Vorsitzende der Jesidischen Gemeinschaft Thüringen, Murad Murad.

Wenn dies kein Einzelfall bleibe, sondern Teil einer politischen oder verwaltungstechnischen Kursänderung sei, würde das bedeuten, dass die Religionsgemeinschaft - trotz internationaler Anerkennung des Völkermords an den Jesiden - keinen besonderen Schutzstatus mehr in Deutschland genieße. Das wäre ein schwerer Rückschritt in der deutschen Flüchtlingspolitik. In Thüringen leben den Angaben zufolge rund 850 Angehörige der Minderheit.

Murad stellte fest, dass die spezifische Verfolgung und Bedrohung der Jesidinnen und Jesiden im Herkunftsland zunehmend ignoriert werde: „Viele Mitglieder unserer Gemeinschaft leben in ständiger Angst vor Abschiebung, obwohl sie aus einer Region stammen, in der sie als religiöse Minderheit über Generationen hinweg systematisch entrechtet, verfolgt und ermordet wurden - zuletzt durch den Genozid des sogenannten Islamischen Staat im Jahr 2014.“

Hintergrund

Das Jesidentum ist eine monotheistische Religion, deren Wurzeln bis 2.000 Jahre vor Christus zurückreichen. Sie nahm Glaubenselemente, Riten und Gebräuche westiranischer und altmesopotamischer Religionen sowie von Juden, Christen und Muslimen auf. Jeside wird man ausschließlich durch Geburt, beide Elternteile müssen der Religionsgemeinschaft angehören. Niemand kann übertreten oder bekehrt werden. Bei Ehen mit Nicht-Jesiden verlieren Gläubige ihre Religionszugehörigkeit.

Schätzungen zufolge leben mehr als 200.000 Jesidinnen und Jesiden in Deutschland - es ist die größte Gemeinde außerhalb des Iraks. Die Gemeinschaft selbst schreibt sich „Êzîden“. Weltweit bekennen sich mindestens 800.000 Menschen zum jesidischen Glauben. Sie zählen sich überwiegend zur Volksgruppe der Kurden. Traditionell ansässig ist die Gemeinschaft in der Sindschar-Region (kurdisch: Shingal) im Nordirak. Ihr religiöses Heiligtum Lalisch liegt etwa 170 Kilometer nördlich der Millionenstadt Mossul entfernt.

Jesidinnen und Jesiden werden immer wieder verfolgt und diskriminiert. Fanatische Muslime sehen die Gemeinschaft als Sekte und die Mitglieder als „Teufelsanbeter“ an, weil in der jesidischen Religion der „Engel Pfau“ (Melek Taus) eine bedeutende Rolle spielt. Im Koran wird die Figur als gefallener Engel bezeichnet.

Murad kritisierte eine fehlende Sensibilität in den Behörden gegenüber dem Umstand, dass viele Jesidinnen und Jesiden schwer traumatisiert seien und bis heute nicht in ihre Herkunftsregionen zurückkehren könnten, weil dort weder Sicherheit noch Infrastruktur für ein menschenwürdiges Leben gewährleistet seien. Deutschlandweit ist laut Murad eine steigende Zahl an Ablehnungen und das Auslaufen von Duldungen ohne konkrete Perspektive für die Betroffenen zu beobachten.

„Auch wenn Thüringen bisher in vielen Bereichen humanitärer agiert hat als andere Bundesländer, nehmen auch hier die Unsicherheiten zu“, sagte er weiter. Einzelne Behörden agierten restriktiver und setzten traumatisierte Personen unter Druck. Es entstehe der Eindruck, dass nicht mehr die individuelle Schutzbedürftigkeit, sondern administrative Vorgaben im Vordergrund stehen. „Diese Entwicklung bereitet uns große Sorgen“, erklärte Murad.

Die Jesiden sind eine ethnisch-religiöse Minderheit mit kurdischen Wurzeln. Sie glauben an einen einzigen, allmächtigen Gott, der als Schöpfer des Universums angesehen wird. Im Mittelpunkt des jesidischen Glaubens steht der Erzengel Melek Taus. Er wird als Stellvertreter Gottes auf Erden verehrt und als Pfau symbolisiert.

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