"Versucht, die Bekenntnistradition weiterzuschreiben!"

Andreas Lindner wünscht sich, dass die Konkordien-formel, die letzte lutherische Bekenntnisschrift von 1577, nicht die letzte bleibt.
  • Andreas Lindner wünscht sich, dass die Konkordien-formel, die letzte lutherische Bekenntnisschrift von 1577, nicht die letzte bleibt.
  • Foto: Foto: Paul-Philipp Braun
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 Andreas Lindner ist Theologe und Professor für Kirchengeschichte am Martin-Luther-Institut der Universität Erfurt. Im Gespräch mit Paul-Philipp Braun erklärt er, wieso Bekenntnisschriften bis heute wichtig sind, und was bedacht werden sollte, wenn sie mit dem Blick auf die Gegenwart erneuert werden sollen.

Lassen Sie uns erst einmal etwas Grundsätzliches klären: Was sind eigentlich Bekenntnisschriften?
Andreas Lindner: Bekenntnisschriften sind die Folge dessen, dass die frühe christliche Gemeinschaft in die Notwendigkeit geriet, sich einrichten zu müssen. Anders als von den beiden ersten urchristlichen Generationen erhofft, blieb die Wiederkehr des Auferstandenen aus. So entstand eine verfasste Kirche, in der theologische Reflexionen stattfanden. Die führten zum Beispiel zu den altkirchlichen Bekenntnissen.

Was bedeutet theologische Reflexion?
Das heißt, dass Christen in den ersten fünf Jahrhunderten intensiv um die richtige Lehre gerungen haben. Also darum, wie die biblische Überlieferung korrekt auszulegen sei. Das Ergebnis dieser Diskussion sind die altkirchlichen Glaubensbekenntnisse. Im Zuge dieses Prozesses bekamen sie gleichzeitig die Bedeutung der Identifikation und trugen zur Ein- und Ausgrenzung bei. Wer diese Bekenntnisse akzeptierte, der gehörte dazu. Wer Anderes lehrte, der wurde als Häretiker ausgegrenzt.

Wieso sind gerade die altkirchlichen Bekenntnisse heute noch wichtig?
Sie geben in einer erstaunlichen Weise das wieder, was die biblische Botschaft im Kern darstellt. Deshalb sind sie bis heute gültig, und es hat bislang keinen erfolgreichen Versuch gegeben, sie durch moderner formulierte zu ersetzen. Aber sie sind auch nicht vollständig. Aus lutherischer Sicht fehlt die Rechtfertigungslehre.

Und die Rechtfertigungslehre findet sich in der Confessio Augustana (CA)?

Genau! Die CA nimmt eine sehr herausgehobene Position ein, weil sie die Ur-Bekenntnisschrift des Luthertums ist. Genau genommen muss man in dem Zusammenhang auch sehen, dass die Confessio 28 Artikel hat, aber sich klar teilt: Die ersten 21 sogenannten Hauptartikel machen den Bekenntnischarakter der Schrift aus, während die letzten sieben Kritik an der mittelalterlichen Kirchenpraxis üben. Sie erklären, warum die lutherische Kirche davon Abstand nimmt.

Also eine Fortführung der 95 Thesen?
Ja, aber in einem sehr erweiterten Rahmen. Es geht darin längst nicht mehr nur um Ablass, sondern der Bogen wird vom Abendmahl über die Priesterehe bis zur Amtsgewalt des Bischofs gespannt.

Und heute? Wie steht es um die Bedeutung des Bekenntnisses?

Die Confessio Augustana ist bis heute das weltweit identitätsstiftende Grundbekenntnis der lutherischen Kirchen. Und bis heute werden Pfarrerinnen und Pfarrer darauf ordiniert.

In seinem Werk "Von den Konzilien und Kirchen" stellt Luther den wichtigen Grundsatz auf, dass Bekenntnisse immer aus ihrer Zeit und Situation her verstanden werden müssen. Gilt das auch für die Confessio Augustana?
Natürlich gilt das für jede Bekenntnisschrift. Aber wir können immer auch fragen, inwiefern das da Formulierte noch für die eigene Zeit tauglich ist.

Halten Sie die das Bekenntnis aus dem 16. Jahrhundert für zeitgemäß?
Zunächst einmal muss ich sagen, dass die Frage, ob etwas noch zeitgemäß ist, für ganz viele Dinge in der Kirche gestellt werden kann. Um nur ein Beispiel zu nehmen: Ist es noch zeitgemäß, dass Pfarrer Talare tragen? Ich bin der Meinung, dass eine Änderung kirchlicher Texte nicht nur eine ästhetische Frage ist, sondern es auch zu einer Sinn-Entstellung kommen kann. Ich halte eine gute Kommentierung für die angemessene Variante.

Eine Kommentierung ändert aber nichts am Text selbst …
Vielleicht müsste das Luthertum sich einmal aufschwingen und neue Bekenntnistexte formulieren, so wie es in den unierten Kirchen die Barmer Theologische Erklärung von 1934 gibt. Problem dabei könnte jedoch die lutherische Tradition als solche sein. Die 1580 beschlossene Konkordienformel bildet einen äußerst komplexen und bis heute unangetasteten Rahmen für die anerkannten Bekenntnisschriften.

Sie wurde seit mehr als 400 Jahren nicht verändert?

Genau so ist es. Obwohl ja die aktuelle Debatte zeigt, dass es da durchaus Bedarf gibt. Meine Meinung: Wenn unabweislicher Bedarf bestehen sollte, dann versucht, die Bekenntnistradition weiterzuschreiben! Besser als historisch gewachsene Texte zu verändern ist es, sie durch neue Texte zu erweitern und zu ergänzen.

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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