Weihnachtsblume aus der Wüste
Um die Rose von Jericho ranken sich viele Legenden

I'm Dezember findet man sie in Geschäften und auf Märkten: die Rose von Jericho - eine bräunliche, trockene Zweigkugel, die bei Kontakt mit Wasser scheinbar zu neuem Leben erwacht. Kreuzritter brachten die mythische Pflanze nach Europa.

Von Claudia Schülke (epd)

Es ist ein faszinierender Effekt: Offenbar tote, vertrocknete Pflanzen scheinen innerhalb kurzer Zeit neues Leben zu entwickeln, wenn man sie in eine Schale mit Wasser legt: Die «Echte Rose von Jericho» ist eine einjährige krautige Pflanze, die in Trockengebieten in Nordafrika, in Israel und Jordanien bis hin nach Iran und Pakistan wächst.

Sie blüht im Frühling in Blütenständen aus winzigen weißen Einzelblüten. Nach dem Absterben verkrümmen sich die Zweiglein zu einem Knäuel, das buchstäblich zum Spielball des Windes wird. Regnet es, breitet es sich wieder aus und setzt Samen frei. Labortests haben bewiesen, dass dafür eine Regenmenge von vier Millimetern genügt.

Kreuzfahrer und frühe Palästina-Pilger beobachteten mit Erstaunen, wie die Pflanze während der regnerischen Weihnachtszeit im Heiligen Land scheinbar zu neuem Leben erwachte und machte sie zu einem Souvenir. «Seit Jahrhunderten brachten diese Rose von Jericho die Pilger aus dem Morgenland mit», schrieb Pfarrer Eduard Wilhelm Schulz aus Mühlheim an der Ruhr Mitte des 19. Jahrhunderts.

Eine echte Rose ist sie nicht. Aber kostbare Pflanzen wurden früher oft als «Rosen» bezeichnet, auch wenn sie gar nicht zur Familie der Rosaceae gehörten. Die Rose galt stets als die Königin aller Blumen. «Ich bin hochgewachsen ... wie die Rosenstöcke in Jericho», lobt sich die göttliche «Weisheit» im biblischen Buch Jesus Sirach (24,14).

Einer der ersten namentlich erwähnten Pilger war der Pfarrer Ludolf von Sudheim nahe Paderborn, der die Pflanze um 1340 am Berg Sinai fand und auf die Legende von der Flucht Marias nach Ägypten
verwies: Wo die Gottesmutter entlang gegangen sei, seien die Rosen gewachsen, die man Rosen von Jericho nenne. Maria soll die «Rose» damals gesegnet haben; deshalb heiße die «Wüstenrose» in Ägypten auch «betende Hände Marias».

Sudheim kannte auch den lokalen Glauben der Frauen an die Heilkraft der Jerichorose bei Geburten: «Und die sarricenischen weib habend die gern bey inen wann sy schwanger seyent.» Maria soll die Pflanze bei der Geburt Jesu in der Hand gehalten haben, erzählt eine weitere Legende. Dieser Glaube ist von den Christen in einigen Regionen Europas übernommen worden: Hebammen stellten die Jerichorose neben die Wöchnerin und wässerten sie beim Einsetzen der Wehen.

Auch als Liebes- und Wetterorakel wurde die Pflanze genutzt. Der Zürcher Schriftsteller David Hess (1770-1843) lässt in seiner Novelle «Die Rose von Jericho» eine alte Frau sprechen: «Wenn am Christabend eine reine Hand die Blume in frisches Wasser setzte und eine gläubige Seele dabei betete, so geschah es, dass sie allmählich sich öffnete und je nachdem sie schneller oder langsamer aufging, so deutete das auf gute oder böse Zeiten und auf das bessere oder schlechtere Wetter des Jahres.»

«Für solche Leute ist die Pflanze ein Lügenprophet», wetterte der pietistische Pfarrer Adolf Sarasin (1802-1885) aus Basel 1845 in «Des Volksboten Schweizer Kalender»: «und es tut mir immer wieder weh, dass diese bedeutsame Jerichorose so missbraucht wird zum Aberglauben.» Der aufgeklärte Hess mahnte: «Lasst euch nie vom Aberglauben umstricken, denn dieser verhärtet oft das Herz dermaßen, dass es alle Fähigkeit verliert, sich erfreuend aufzuschließen, wie die Rose von Jericho.»

Der schwedische Naturforscher Carl von Linné hatte stets ein Zweiglein vor seinem Fenster hängen, um zu prüfen, ob die Luft feucht oder trocken war. Doch eine Pflanze der Auferstehung ist sie mitnichten, wie er glaubte, als er die Jerichorose 1753 als «Anastatica hierochuntica» beschrieb.

Die vermeintliche Wiederbelebung ist allerdings nur ein physikalischer Vorgang: Die Echte Jerichorose ist keine wechselfeuchte Art, die Trockenphasen überlebt. Ihre Zellen füllen sich nur mit Wasser, und die hydrostatische Spannung entfaltet die tote Pflanze. Und das jedes Mal, wenn sie mit Wasser in Berührung kommt.

Anders die unechte Rose von Jericho, Selaginella lepidophylla.
Dies ist ein wechselfeuchter Moosfarn, der nach dem Befeuchten wieder Photosynthese betreiben kann. Aber er kommt nicht aus dem Heiligen Land, sondern aus Amerika.

Autor:

Beatrix Heinrichs

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