Rezension
Mit dem Himmel in Berührung kommen

Können wir das heute noch glauben?“ Michael Trowitzsch versucht erst gar nicht, mit solchen Sätzen rhetorischer Einfühlung sich heranzupirschen an den Zeitgeist. Ein paar Seiten nimmt er sich Zeit, die Kröten, die den biblischen Brunnen verstopfen, mit intelligenter Schärfe zu entzaubern, und schon sprudelt er wieder, der alte Brunnen.
Ich weiß nicht, wie viele Jahrzehnte Trowitzsch gebraucht hat, Metaphern und poetische Sprache aufzusaugen, um sie in den Dienst der schönsten Sache der Welt zu stellen: in den Dienst des Evangeliums. Das ist keine Sammelleidenschaft eines emeritierten Professors für Systematische Theologie. Die Suche nach der angemessenen Sprache ist der Ernstfall der Theologie. Im Bildwort verlässt die Sprache den reinen Buchstaben und mit ihm auch die Buchstabenfrömmigkeit. Im Bildwort begibt sich die Sprache aus der sezierenden Distanz hinein in den Erfahrungsraum des lebendigen Lebens.
Und plötzlich: Österlich berauscht klart die Welt auf, und der Autor schreibt mit. Alles ist jetzt: Pilatus ist jetzt. Judas ist jetzt. Kain und Abel, die Frauen am Grab, Christus – alles ist jetzt, gleich draußen vor der Tür und hinter der eigenen auch. Wenn es um Gott geht, kann es nur um Jederzeitiges gehen. Biblische Sätze, von denen ich zugeben muss, dass sie auch bei mir schon etwas Patina angesetzt hatten, werden wieder zu scharfgeschliffenen Waffen oder zu bergenden Mänteln. Wer gewiss ist, dass der Mensch unter Christi Schutz und Schirm steht, der kann auch klar und offen reden von den menschlichen Abgründen. Wenn der Liebevolle „für uns“ da ist, muss man nichts mehr schönreden. Dann darf man klar reden, und das kommt in Trowitzschs Buch nicht zu kurz.
Sicherlich: Es gibt Stellen, da möchte man mit ihm streiten. Aber das Buch macht auch Lust dazu, weil man ahnt, dass der Streit endlich mal nicht im Achselzucken der Beliebigkeit endet. Trowitzsch schreibt in poetischer Präzision, schillernd und genau. Er tastet sich vor ins Unaussprechliche, das Sprache erst gebiert. Damit entzieht sich das Buch dem flüchtigen Lesen. Man muss nicht immer gleich die ganze Flasche leeren wollen, ein Glas Poesie am Abend reicht, um mit dem Himmel in Berührung zu kommen. 500 Jahre ist es jetzt bald her, dass Luther das Neue Testament übersetzte. Und was manch einer von uns Theologen noch für gutes Lutherdeutsch hält, ist für manch anderen schon wieder Kirchenlatein geworden. Insofern ist das Buch das rechte Buch zur rechten Zeit. Es ist eine wundervolle Lesebrille der Bibel für alle, deren Augen durch den Zeitgeist trübe geworden sind. Vermutlich sind das viele, und ich schließe mich da nicht aus. Ralf-Peter Fuchs

Trowitzsch, Michael: Die große Begebenheit. Biblische Szenen, Zeichen und Bilder, Spenner, 365 S.,  27,80 €,      ISBN 978-3-89991-225-8

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Online-Redaktion

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