Kommentar
Frohe Zukunft

Von Joachim Liebig

Besuch aus dem südlichen Afrika im vergangenen Advent. Ich fahre mit meinem Besuch nach Halle. Auf dem Weg ins Museum kommt uns eine Straßenbahn der Linie 1 entgegen. Frohe Zukunft steht als Endstation auf der Anzeige. Was bedeutet das?, fragt mein Freund. Ich sage auf Englisch: happy future. Er lacht. Bei euch in Deutschland kann man mit der Straßenbahn in eine frohe Zukunft fahren. Das gibt es bei uns in Afrika nicht.
Dann eine Pause. »Was erwartet mich denn am Ende der Linie 1?«, will er wissen. Ich zögere mit der Antwort. Sie endet in der Nähe eines Friedhofs. Und zu DDR-Zeiten gab es hier eine berüchtigte Jugendstrafanstalt. Er sieht mich prüfend an. Deutscher Humor? Nein, sage ich, im Ernst: die Linie 1 endet am Friedhof und dem Gefängnis.
»So seid ihr Deutschen«, sagt mein Kollege aus Südafrika. »Ihr lebt in einem der reichsten, sichersten und lebenswertesten Länder der Welt. Millionen Menschen würden sofort mit euch tauschen, doch eure frohe Zukunft ist finster. Warum seid ihr so …« – hier sucht er nach einem passenden Wort – »depressiv«? Ich widerspreche, argumentiere; aber mein afrikanischer Kollege lässt sich nicht umstimmen. »Und …«, setzt er nach: »Darum sind eure Kirchen auch so leer. Wer will schon dauernd depressive Gottesdienste erleben.«
Ich habe oft an dieses Gespräch denken müssen. Hoffentlich wurde und wird die Freude in meinen Predigten deutlich. Noch immer nachdenklich, aber nicht depressiv grüße ich Sie aus Dessau.

Der Autor ist Kirchenpräsident der Ev. Landeskirche Anhalts und Vorsitzender des Ev. Presseverbandes in Mitteldeutschland. Den Text hat er für eine Radioandacht verfasst. Vom 7. bis 14. April jeweils um 5.50 Uhr und um 9.50 Uhr ist Liebig wieder im Radio bei MDR Sachsen-Anhalt »An(ge)dacht« mit neuen Gedanken zum Tag zu hören.

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