Predigttext zum Sonntag
Das schreit zum Himmel

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Er hilft dem Armen ohne Ansehen der Person und erhört das Gebet des Unterdrückten.
Jesus Sirach 35, Vers 16

Freies Gebet oder wohl formuliert, im Kämmerlein gemurmelt oder ins Mikrofon gerufen, als Stoßgebet in der Not oder tägliche Litanei, als Dank- oder Fürbittgebet, als klärendes Selbstgespräch oder in der Gewissheit, dass es bis zu den Wolken reicht, wie der Predigttext sagt – Beten hat viele Gesichter. Lässt es sich doch nicht einmal zwischen Hände falten und Amen sagen einordnen. Und braucht es überhaupt der Worte, wenn Gott ins Herz sehen kann und nicht darauf angewiesen ist, dass wir ihn informieren darüber, wo sein Eingreifen nötig wäre weltweit wie auch ganz persönlich und ihm sozusagen eine To-do-Liste vorlegen?

Wie sollen wir beten? In der Bibel ist das Gebet etwas Alltägliches. In guten und in bösen Tagen haben Menschen Gott angerufen in der Hoffnung, dass er sie hört. Besonders in bösen Tagen, denn Not lehrt beten.

Jesus Sirach, ein jüdischer Weisheitslehrer zwei Jahrhunderte vor Christus, war überzeugt davon, dass besonders die Schreie und Tränen der unter die Räder Gekommenen Gott erreichen. (Sein Buch gehört zu den Apokryphen, die nicht in jeder Bibel abgedruckt, aber nach Martin Luther „doch nützlich und gut zu lesen sind“.) Er weiß Gott auf ihrer Seite ganz im Unterschied zu denen, die ihr Unglück verursacht haben. Gott ergreift Partei für die Armen und wird alle zur Rechenschaft ziehen, die nur auf sich selbst bedacht sind und dafür noch Gott ins Boot holen wollen.

Wie sollen wir beten, fragen die Jünger Jesus. Er gibt ihnen das Vaterunser an die Hand. Bis heute wird es täglich millionenfach gebetet. Und wer es nicht gedankenlos mitspricht merkt, dass die Bitten lebenswichtig sind für uns und die Welt. Trotzdem fällt mir dazu die fromme Legende ein, die Leo Tolstoi aufgegriffen hat. Ein orthodoxer Bischof besucht drei Eremiten auf einer winzigen Insel und fragt: „Wie betet ihr zu Gott?“ „Wir beten so: Euer drei unser drei uns gnädig sei.“ Der Bischof erklärt ihnen die Trinitätslehre und bringt ihnen das Vaterunser bei. Aber sie können sich den mühsam erlernten Text nicht behalten und laufen dem Schiff nach – auf dem Wasser. „Auch euer Gebet erreicht den Herrn, heilige Greise“, sagt der Bischof. „Ich bin nicht würdig euch zu lehren, wie man beten muss.“

Christine Lässig, Pfarrerin i.R., Weimar

Christine Lässig, Pfarrerin i. R., Weimar
Autor:

Online-Redaktion

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