Fluxus für Frieden

Blick in die Ausstellung: Zitronenbäumchen verleihen der Yoko-Ono-Ausstellung eine frühlingshafte Friedhofsstimmung.
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  • Foto: PUNCTUM/Alexander Schmidt
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Zeitgenössische Kunst: Unter dem Titel »PEACE is POWER« zeigt das Museum der bildenden Künste in Leipzig Arbeiten der Künstlerin Yoko Ono – von den 1960er-Jahren bis heute. Die 86-jährige zählt zu den wichtigsten Vertreterinnen der Fluxus-Bewegung, die die schöpferische Idee dem eigentlichen Kunstwerk vorzieht.

Von Sarah Alberti

Es riecht nach Frühling in der dritten Etage des Museums der bildenden Künste. Aus Holzkisten wachsen Zitronenbäumchen, zum Teil noch mit Blüten, manche tragen schon gelbe Früchte. Von irgendwoher hört man Vögel zwitschern. Das Weiß der Wände und das helle Oberlicht lassen Geruch und Sound so präsent werden, wie es in der Natur kaum möglich ist.
»Die Pforten zur Hölle sind nur ein Lichtspiel«, erklärt Yoko Ono auf dem Zettel, der die Arbeit »EX IT« beschreibt. Drei verschiedene Größen haben die hundert aneinandergereihten Holzkisten, die an Holzsärge erinnern: Groß für Männer, mittel für Frauen, klein für Kinder. Die Zitronenbäumchen wachsen aus den Öffnungen, durch die man sonst das Gesicht der Toten sehen könnte. Tod und Auferstehung. Trauer und Hoffnung: In diesem flächenmäßig größten Werk der Ausstellung steckt das zentrale Thema im Leben, Denken und Schaffen der japanisch-amerikanischen Künstlerin: Das Kräfteverhältnis zwischen Krieg und Frieden. Der Parcour der Ausstellung ist bestimmt vom Grund­rauschen eines frühlingshaften Friedhofbesuchs.
Elemente wie Luft, Wasser, Erde und Feuer durchziehen die sechzig Arbeiten und Werkreihen, die auf 3 700 Quadratmetern im gesamten Haus verteilt sind: Im Foyer stehen vier Kaugummiautomaten, die mit Luft gefüllte Kapseln ausgeben. Luft sei »das Einzige, was wir teilen«, sagt Ono, eine Brücke, die die Völker der Welt miteinander verbindet. 118 gleich voll mit Wasser gefüllte Flaschen sind mit Hand geschriebenen Etiketten versehen, darauf Namen wie Heinrich Heine, Kurt Cobain, Albert Einstein. Wir alle sind Gefäße, die gleichermaßen Wasser enthalten.
Yoko Ono, geboren 1933 in Tokyo, studierte in Japan Philosophie und ging 1953 nach New York, wo sie radikale Performanes und erste konzeptuelle Arbeiten zeigte. Sie hatte sich als Künstlerin schon einen Namen gemacht, bevor sie 1969 den Beatle John Lennon heiratete, mit dem gemeinsam sie unter anderem den bekannten Song »Geave Peace A Chance« aufnahm. Ono-Filme wie »Fly« (1970), in dem eine Fliege den Körper einer Frau abläuft, sind Klassiker der Filmgeschichte geworden.
Kuratiert hat die Schau Jon Hendricks, auch genannt »Mrs. Fluxus«, der Kunstbewegung, die die schöpferische Idee dem eigentlichen Werk vorzieht. Schon seit 1965 stellt er die inzwischen 86-jährige aus. Zwischen den Themen Krieg, Frieden, Tod, Religion, blitzt in Onos Arbeiten auch immer Humor auf: Neben einem grünen Apfel auf einem Sockel, dazu bestimmt, während der Laufzeit der Ausstellung zu verfaulen, liegt das Schild »APPLE«. Diese Arbeit aus dem Jahre 1966 scheint heute auch als Sinnbild für die Zweiklassengesellschaft der Computernutzer. Für die aktuelle Ausstellung wurden auf Toiletten in Leipziger Kneipen und Cafés 380 Poster verteilt und zweimal abgefilmt, was Gäste auf dem Motiv des nackten Hinterns geschrieben hatten.
Tod und Auferstehung, Trauer und Hoffnung sind genauso Onos Themen wie Gewalt und Krieg. Drei Erdhaufen sind weiblichen Opfern häuslicher Gewalt und sexuellen Missbrauchs und Frauen in Nervenkliniken gewidmet.
Was hier ein abstraktes Sinnbild bleibt, wird eine Etage darüber beklemmend real: Für die Installation »ARISING« folgten vor der Eröffnung knapp 80 Frauen dem Aufruf, von eigenen Gewalterfahrungen zu berichten. Ihre Texte hängen gemeinsam mit einem Foto ihrer Augen im Raum.
»Menschen wollen Interaktion, kein reines Bildermuseum, sondern sich selbst am Werk beteiligen«, sagt Museumsdirektor Alfred Weidinger. In einer Installation findet sich der Hinweis auf Dresden 1945, eingraviert in einen kleinen antiken Grillenkäfig. Auch hier sind die Besucher eingeladen, eigene Gewalterinnerungen in ein Notizbuch zu schreiben. In einem mit Weltkarten tapezierten Raum liegen Stempel mit den Worten »Imagine Peace« bereit.
Das Museum nach außen zu öffnen, ist mit Yoko Ono im wahrsten Sinne des Wortes gelungen. Vor dem Museum stehen Bäumchen, an die Besucher und Passanten Wünsche aus Papier hängen können. Und so feiert diese Ausstellung, passend zur Osterzeit, vor allem eins: Die Hoffnung auf eine bessere, friedliche Welt.

Yoko Ono, geboren 1933 in Tokyio, wurde einer breiten Öffentlichkeit als Ehefrau des Beatles John Lennon bekannt. Doch schon vorher hatte sie sich einen Namen als Künstlerin gemacht. Ein zentrales Thema im Leben, Denken und Schaffen der japanisch-amerikanischen Künstlerin ist das Kräfteverhältnis zwischen Krieg und Frieden.

Sie ist eine der einflussreichsten und gleichzeitig umstrittensten Künstlerinnen unserer Zeit.

Die Ausstellung »PEACE is POWER« ist bis zum 7. Juli im Museum der bildenden Künste in Leipzig zu sehen.

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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