Sprachgeschichte
Das geheimnisvolle Wort

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Was bedeutet eigentlich das Wort »Ostern«? Ein Ausflug zu den Wurzeln seiner Herkunft.

Von Olaf Schmidt

Ostern, das Fest der Auferstehung Jesu Christi, ist der höchste christliche Feiertag. Aber was bedeutet eigentlich das Wort »Ostern«? Um es gleich zu sagen: Es gibt darauf keine eindeutige Antwort. Aber die Suche nach Herkunft und Bedeutung des Wortes erweist sich als interessanter Ausflug in unsere Sprach- und Kulturgeschichte.
Zunächst ist das deutsche »Ostern« eine sprachliche Besonderheit. Den Evangelien zufolge haben sich Passion, Kreuzigung und Auferstehung Jesu in einer Pessachwoche ereignet. Zu Pessach (das auch in den Formen »Passa«, »Passah«, »Pascha« erscheint) feiern die Juden, damals wie heute, den Auszug der Israeliten aus Ägypten. Zwar streiten sich die Theologen darüber, ob Jesus und seine Jünger das letzte Abendmahl tatsächlich als Pessachmahl begangen haben. Aber in den meisten Sprachen leitet sich die Bezeichnung für das wichtigste Fest der Christenheit vom hebräischen »Pésach« ab: auf griechisch heißt es »páscha«, auf französisch »Pâques«, auf friesisch »puask«, auf finnisch »pääiäinen« und so weiter. Nur im Englischen und im Deutschen sagen wir »Easter« oder eben »Ostern«. Warum ist das so?
Das englische und das deutsche Wort ähneln sich nicht zufällig; an sich ist es dasselbe Wort. Zum ersten Mal finden wir es in einer Schrift des angelsächsischen Mönchs Beda (673 bis 735), der den Beinamen Venerabilis (»der Ehrwürdige«) trägt. Wie er sich den verdient hat, ist nicht ganz klar; es gibt dafür verschiedene mehr oder weniger glaubwürdige Begründungen. Jedenfalls erwähnt Beda einen »Eostur-monath« als alte angelsächsische Bezeichnung für den Passah-Monat; dieser Monat sei nach einer Göttin Eostre benannt gewesen. Das ist alles. Eine »Eostre« wird aber sonst nirgends erwähnt, und niemand kann die Hand dafür ins Feuer legen, dass Beda sie nicht einfach erfunden hat. Obwohl er allgemein als durchaus vertrauenswürdig gilt, wäre das für einen mittelalterlichen Historiker nicht ungewöhnlich.
Das hat nun einen gewissen Jacob Grimm (1786–1859) nicht davon abgehalten, in seiner »Deutschen Mythologie« (1835), von Bedas Eostre ausgehend, über eine germanische Göttin »Ostara« zu spekulieren, einer »Gottheit des strahlenden Morgens, des aufsteigenden Lichts , eine freudige, heilbringende Erscheinung, deren Begriff für das Auferstehungsfest des christlichen Gottes verwandt werden konnte«. Jacob Grimm war nicht irgendwer: Er hat nicht nur, zusammen mit seinem Bruder Wilhelm, die berühmteste Märchensammlung der Welt geschrieben, sondern auch die Germanistik erfunden. Seine Meinung galt in Fragen des germanischen Altertums als unfehlbar. Darum hat sich niemand getraut, der Ostara-Theorie zu widersprechen. Und so war der Fantasie Tür und Tor geöffnet. Dabei erscheint manche Vermutung gar nicht so abwegig: Erinnert Ostaras angelsächsischer Name Eostre nicht an Eos, die griechische Göttin der Morgenröte? Und ist diese Göttin womöglich identisch mit der orientalischen Fruchtbarkeitsgöttin Astarte, die wir aus dem Alten Testament kennen?
Nicht nur Sprach- und Religionswissenschaftler haben sich mit Ostara befasst, Esoteriker und Neuheiden verehren sie bis heute als Frühlingsgöttin, deren uralter Kult vom Christentum angeblich verdrängt und totgeschwiegen worden sei. Wer danach sucht, findet im Internet mehr als genug zu diesem Thema. Auch in der Fantasy-Literatur begegnen wir Ostara, zum Beispiel in Neil Gaimans großartigem Roman »American Gods« (2001). Das ist eine andere Geschichte. Aber für eine Göttin, von der wir, selbst wenn es sie gegeben hätte, einzig den Namen kennen, hat Ostara eine erstaunliche Karriere hingelegt.
Schon mittelalterliche Gelehrte haben Ostern mit dem Osten in Verbindung gebracht, der Himmelsrichtung des Sonnenaufgangs. Die griechische Eos, die römische Aurora sind tatsächlich mit dem germanischen Wort »Osten« (»austra«) verwandt. Und so sind verschiedentlich Ortsnamen als Beweis für die Existenz einer Göttin Ostara ins Feld geführt worden. Es lässt sich aber nachweisen, dass die Komponente »Oster-« in Osterode, Osterhausen oder Osterzell nur die geografische Lage des jeweiligen Orts bezeichnet. Und das Dresdner Ostragehege hat weder mit dem Osten noch mit Ostara etwas zu schaffen. Der Name verdankt sich dem Dorf Ostra, das einst an dieser Stelle existiert hat. »Ostra« ist das sorbische Wort für »Insel«.
Aber vielleicht bringen uns der Osten und die Morgenröte doch auf die richtige Spur. Immerhin haben die Frauen das leere Grab Jesu entdeckt, »früh am Morgen, als eben die Sonne aufging« (Matthäus 16,2). Darum ist für die Christen die Morgenröte ein Symbol der Auferstehung. Darum galt der Vorabend des Osterfests oder der Ostermorgen bei den frühen Christen als bevorzugter Tauftermin.
In seinem lesenswerten Buch »Ostern – Geschichte eines Wortes« (1999) weist der Sprachwissenschaftler und Namenskundler Jürgen Udolph auf eine mögliche Beziehung von »Ostern« mit dem altwestnordischen Wort für »gießen« oder »schöpfen« hin: »ausa«. In skandinavischen Quellen ist von einem Ritual »vatni ausa« (»mit Wasser begießen«) bei der Namensgebung die Rede. Natürlich bleiben auch bei diesem Erklärungsversuch viele Fragen offen: Sollten die Germanen eine heidnische Form der Taufe praktiziert haben? Haben sich hier heidnische und christliche Rituale vermischt? Oder haben wir es mit einer Rückprojektion christlicher Rituale auf vorchristliche Verhältnisse zu tun? Wir haben nur Indizien, keine Beweise. Aber nach allem spricht doch viel dafür, dass sich »Ostern« auf die Taufe bezieht.
Warum heißt aber nun in deutschsprachigen Ländern das Fest »Ostern« und nicht »Passah«? Auch das lässt sich nicht letztgültig klären. Doch auch hier gibt es eine Spur. Sie führt zurück in die Missionsgeschichte Deutschlands. In den Kirchenprovinzen des Frankenreichs im 8. Jahrhundert gab es unterschiedliche Traditionen: Während die Christen in der Diözese Köln das Wort »pasche« verwendeten, war in Mainz das Wort »ôstarun« als Missionswort in Gebrauch. Erzbischof von Mainz war der »Apostel der Deutschen«, der Heilige Bonifatius (673–755), ein Zeitgenosse des ehrwürdigen Beda. Bonifatius hieß eigentlich Wynfreth und stammte aus England. Und überall, wo er und seine englischen Gefährten missionierten, führten sie das Wort »Ostern« ein, vor allem in Mainfranken, Hessen und Thüringen. In anderen Gegenden, zum Beispiel Norddeutschland, blieben bis zur Verdrängung der niederdeutschen Dialekte durch das Neuhochdeutsche Varianten von »Passah« in Gebrauch. Auf Plattdeutsch heißt Ostern nach wie vor »Paasken«, »Paosken«, »Paasch« oder ähnlich.
Allerdings hat das Wort Ostern ein paar Jahrhunderte gebraucht, um sich durchzusetzen. Eine wichtige, wenn nicht die entscheidende Rolle dürfte dabei Martin Luther gespielt haben.
Luther verwendete für seine Bibelübersetzung vor allem Wörter seiner Heimat, dem ostmitteldeutschen Sprachraum, und da heißt das Auferstehungsfest: »Ostern«: »Da Jhesus alle diese Rede volendet hatte / sprach er zu seinen Jüngern / Jr wisset / das nach zween tagen Ostern wird / Vnd des menschen Son wird vberantwortet werden / das er gecreuziget werde« (Matthäus 26). Die Lutherbibel hat die deutsche Schriftsprache wenn nicht begründet, so doch nachhaltig vereinheitlicht, und viele bis dahin nur regional verwendete Ausdrücke haben sich durch sie im ganzen deutschsprachigen Raum verbreitet.
Übrigens sind neuere Bibelübersetzungen wieder von Ostern abgekommen. In der Zürcher Bibel heißt dieselbe Stelle: »Ihr wisst, dass in zwei Tagen Passa ist.« Die Elberfelder Bibel übersetzt »Passah«, und auch in der BasisBibel, der »Übersetzung für neue Medien«, lesen wir »Passafest«. Philologisch und theologisch ist das gewiss richtig und sinnvoll: Als Juden haben Jesus und seine Jünger natürlich Passah gefeiert und nicht Ostern. Und auch in unserer Osterliturgie sind jüdische Wurzeln des Christentums lebendig geblieben, wenn etwa in der Osternacht eine Lesung aus Exodus an den Auszug der Israeliten aus Ägypten erinnert. Am allgemeinen Sprachgebrauch wird das nichts ändern; wir werden unser höchstes Fest weiter Ostern nennen. Warum nicht? Ist es nicht schön und in einem tieferen Sinne sogar angemessen, dass wir das Mysterium der Auferstehung mit einem Wort benennen, dessen Herkunft und ursprüngliche Bedeutung geheimnisvoll bleiben? Mit wissenschaftlichem Scharfsinn werden wir nie herausbekommen, was »Ostern« heißt. Und das ist gut so.

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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