Geburtsstunde des Rundfunks
Am Anfang war die Nacht noch still

Es war die Geburtsstunde völlig neuer Klangwelten. Das Radio trat Anfang der 1920er Jahre seinen weltweiten Siegeszug an. Erstmals entstand eine massenmediale Öffentlichkeit. 1921 wurde in Pittsburgh der erste öffentliche Rundfunksender weltweit in Betrieb genommen. In Deutschland begann das Radio mit regelmäßigen Übertragungen am 29. Oktober 1923 in Berlin. Doch die Geburtsstunde hatte schon früher geschlagen: am 22. Dezember 1920 vom Funkerberg im brandenburgischen Königs Wusterhausen nahe der Hauptstadt. Über einen Langwellensender. Und ausgerechnet mit einem "kleinen bescheidenen" Weihnachtskonzert. 

Von Christoph Arens 

Das Radio - ein Kind des Krieges: Die Sendeanlagen in Königs Wusterhausen waren bereits 1911 als Militärfunkstationen geplant worden. Sie nahmen 1916 ihren Betrieb auf und dienten im Ersten Weltkrieg der militärischen Kommunikation - allerdings noch immer auf Grundlage des Morsealphabets. Der Funktechniker Hans Bredow wagte schließlich 1917 von der Westfront erste Versuche, auch Sprache und Musik zu übertragen. Das misslang allerdings gründlich. Es rauschte und knisterte - das noch junge Medium galt als völlig ungeeignet für Musikübertragungen.

Nach dem Krieg bekam die Deutsche Reichspost die Hoheit über das Funkwesen in Deutschland - und auch die Sendemasten in Königs Wusterhausen. Bredow, der Elektrotechnik studiert hatte und seit Jahren mit Funksendern experimentierte, übernahm die Leitung. Vom Funkerberg wurden fortan Wetterberichte für Flughäfen und Wirtschaftsnachrichten im Telegrammstil gesendet. Die Post plante, Informationen aus der Wirtschaft an Zeitungen zu verkaufen. Doch Bredow wollte mehr - 1919 forderte er in Berlin "Rundfunk für jedermann", eine "Art gesprochene Zeitung".

Tüftler bahnten den Weg zum Massenmedium: Eine Gruppe von Technikern der Reichspost experimentierte seit Anfang 1920 monatelang mit einem selbstgebauten Lichtbogensender und einem Kohlekörnermikrophon, um damit Sprache und Musik zu übertragen. Am 22. Dezember 1920, einem Mittwoch, war es so weit: "Hallo Hallo, hier Königs Wusterhausen auf Welle 2700" - so lauteten die ersten Worte der ersten Rundfunksendung aus Deutschland, wie man auf der Internetseite des Fördervereins Sender Königs Wusterhausen nachlesen kann. "Meine Damen und Herren, zum Zeichen, dass unsere Station jetzt großjährig geworden ist, wollen wir Ihnen ein kleines bescheidenes Weihnachtskonzert senden."

Für die Musik sorgten die Post-Beamten zunächst selber, wie Rainer Suckow, Chef des Fördervereins, berichtet: fünf Männer mit Klarinette und Harmonium, Geige, Cello und Klavier. Auf dem Programm standen klassische Festtagslieder. Ausgerechnet mit "Stille Nacht, heilige Nacht ..." begann das improvisierte Konzert. Seitdem sorgt das Massenmedium Radio dafür, dass Nächte nicht still sein müssen.

Die Übertragung sorgte für Furore bei Hörern in ganz Europa: Telegramme aus Luxemburg, Skandinavien, Holland und England trafen in Königs Wusterhausen ein. Sarajewo meldete: "Ihr heutiges Telefoniekonzert war ausgezeichnet, ebenso der Gesangsvortrag." Kiel sandte folgende Grüße: "Musik tiptop. Heute Abend ein Hoch auf Euer Spezielles - Frohes Fest!" Im Inland allerdings gab es noch nicht viele Hörer: Aufgrund des Versailler Vertrages war das Abhören von Funksignalen in Deutschland noch verboten. Aber es gab wohl Schwarzhörer - und die offiziell Beauftragten der Deutschen Reichspost.

In der Folgezeit waren die Postbeamten dann häufiger zu hören - bei regelmäßigen Sonntagskonzerten. 1923 hoben die Siegermächte das Verbot für Rundfunk in Deutschland auf. Am 29. Oktober 1923 startete die erste offizielle und regelmäßige Radiosendung in der Potsdamer Straße in Berlin - mit dem Ziel der Unterhaltung und Belehrung. Kurz danach gab es in Deutschland bereits rund 1.500 Hörer, die ihr Gerät angemeldet hatten - der Hörfunk-Boom war nicht mehr zu stoppen. Dass die Wiege des Radios in Königs Wusterhausen stand, davon kündet heute noch das 1992 entstandene Stadtwappen. Es zeigt drei rote Sendetürme, die auf der nördlichen Erdhalbkugel thronen.

(kna)

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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