Japan
Solidarität in der Krise

Vorbilder: Japanern ist es wichtig, sich stets korrekt zu verhalten.
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Maske tragen, Rücksicht nehmen, Schwächere schützen: Anlässlich der Diskussion um mangelnde Solidarität in der Corona-Krise empfiehlt die Asien-Expertin Renate Noda den Blick nach Japan.

von Julia Pennigsdorf

«Den Japanern ist es wichtig, auf ihre Mitmenschen zu achten und sich zum Wohle aller an die Regeln zu halten», sagt Noda über den Umgang der Menschen dort mit der Pandemie. Die promovierte Japanologin leitet die Abteilung Völkerkunde des Bremer Übersee-Museums.

Gesundheit spielt Noda zufolge in Japan eine große Rolle. «Den Japanern ist es wichtig, sich gesund zu ernähren. Sie wissen viel darüber, welche Vitamine und Nährstoffe in den Lebensmittel stecken und was sie im Körper bewirken.» Das gleiche gelte für Sauberkeit und Ordnung. So sei es üblich, die Schuhe auszuziehen, bevor man private Räume betrete, um keinen Schmutz hineinzutragen. Täglich werde heiß gebadet, und wer in ein Restaurant gehe, bekomme ein feuchtes Tuch gereicht, um sich Hände und Gesicht zu reinigen. «Die Alltagshygiene, die uns in der Coronakrise abverlangt wird, ist für die Japaner von jeher selbstverständlich», sagte Noda.

Ein weiteres kulturelles Merkmal, das sich jetzt in der Pandemie als vorteilhaft erweise, sind der Japanologin zufolge die Rituale, mit denen sich die Menschen in Japan begegnen und begrüßen. «Japanern gelingt es, Nähe herzustellen ganz ohne Umarmung, Handschlag und Körperkontakt», sagte die gebürtige Österreicherin. «Abstand zu halten, ist ihnen wichtig. Japan ist wirklich alles andere als eine Bussi-Bussi-Kultur.»

Auch die Ansteckungsgefahr in den öffentlichen Verkehrsmittel ist Noda zufolge geringer als in Deutschland, denn in Japan sei es unüblich, sich in Bus und Bahn zu unterhalten. Das Telefonieren mit dem Handy im öffentlichen Nahverkehr sei sogar verboten. Ansteckende Aerosole würden so minimiert.
Grundsätzlich sei es Japanern wichtig, sich korrekt zu verhalten und sich an Regeln zu halten. «Angepasstes Verhalten ist gesellschaftlich angesehen und verbreitet», sagte die Asien-Expertin. «Japaner wollen nicht aus der Reihe tanzen. Ihr Schamgefühl ist groß.» Die Grundlage dafür bilde die Überzeugung, dass die Gruppe wichtiger sei als das Individuum. Diese Einstellung spiegle sich insbesondere in kleineren Gruppen wie der Schule oder der Nachbarschaft wieder. So sei es für Japaner selbstverständlich, dass sie sich beispielsweise um ältere Menschen in ihrer Umgebung kümmern.

Dass es in Japan praktisch nicht vorkomme, dass sich jemand weigere, eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen, liegt laut Noda auch daran, dass die Maske seit langem zum Bild in Japans Straßen dazugehöre. «Die Maske hat das Land seit der Spanischen Grippe vor rund 100 Jahren nicht mehr verlassen», sagte die Expertin. Für die Menschen sei es völlig normal, Masken zu tragen – nicht nur aus Infektionsschutzgründen, sondern auch, um sich gegen Pollenallergien und Smog zu schützen. «Masken haben in Japan ein positives, nahezu cooles Image», sagte Noda. Sie würden als praktisch wahrgenommen. «Mancher nutzt sie auch, wenn er vergessen hat, sich zu rasieren oder zu schminken.»

(epd)

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