Fastenaktion
Wie wollen wir leben?
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"Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu!“ Dazu mahnt der Volksmund, und auch das Motto der diesjährigen Fastenaktion fordert auf, mehr Empathie zu zeigen.
Von Christina Ott
„Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem Andern zu!“ Lebensweisheiten dieser Art hörte ich als Kind von Oma Helene. Noch heute sehe ich vor mir, wie sie mit einem beängstigend großen Messer den Brotlaib Richtung Brust in exakte Scheiben schnitt und mit heiterer Stimme sprach. Das hat sich tief bei mir eingeprägt. Ist ja logisch! Als Mittelkind hatte ich einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und dieses faire Verhalten leuchtete mir auf Anhieb ein.
Sprichworte dienen dazu, im Alltag Orientierung zu geben und eine Handlungsagenda anzubieten. Diese Weisheiten haben sich für Generationen vor uns bewährt - warum sollten sie überholt sein? Doch heutzutage komme ich des Öfteren ins Zweifeln. Ist derjenige der Dumme, der sich noch daran hält? Stirnrunzelbeispiele gibt es tagtäglich, wie dieses: Direkt um die Ecke steht ein neongrünes, topmodernes Fahrrad. Mit einem fetten Schloss ist es gegen Diebstahl gesichert, wie man das in der Großstadt tun sollte. Doch haben tatsächlich irgendwelche Typen – es ist kaum zu glauben - Sattel und Lenker abmontiert und mitgehen lassen.
Die Bowdenzüge baumeln lose nach unten. Sie waren dafür gedacht, die Bremsgummis mit dem Handgriff zu verbinden. Was wird nun derjenige tun, dessen Rad so zugerichtet wurde? Ich tippe auf schimpfen, wütend sein und sich bei der nächsten Gelegenheit sein vermeintliches Recht zurückholen. „Ist ja eh egal. Hauptsache cool und Hauptsache du lässt dich nicht erwischen. Jeder ist sich selbst der Nächste. Das juckt doch keinen…“
Doch, es juckt. Es verdirbt die Sitten, verletzt Menschen und fällt irgendwann auf uns zurück. Da sind wir gerade mitten drin. Meine Oma würde besorgt den Kopf schütteln.
Es gibt Branchen, die das besonders auszubaden haben, wie die Arbeiter im Stadtpark unseres Stadtviertels. Ich nenne sie „Stadtparkpfleger“. Als Angestellte der Servicebetriebe Öffentlicher Raum (SÖR) sind sie mit orangefarbenem Auto unterwegs. Gartenlandschaftsgestalter Alex, Zierpflanzengärtner Thomas und der Helfer Peter sind Tag für Tag damit beschäftigt, den Nürnberger Stadtpark attraktiv zu halten. Sie pflanzen, beschneiden, gießen und düngen unermüdlich. Ihre besondere Fürsorge gilt dem Weiher. Mit Gummihosen ausgestattet bemühen sie sich, der Algen Herr zu werden. Meter für Meter müssen diese herausgefischt werden. Eines Tages traf ich die Männer sogar dabei an, wie sie das Nest eines Blässhuhns versetzten, damit es nicht weiter auf den jungen Seerosen brütet und sie beschädigt. Diese Leidenschaft begeistert mich.
Im Vorbeigehen ergeben sich lockere Gespräche. Doch immer mehr bekomme ich von Frust zu hören. Besonders nach den Wochenenden gibt es unschöne Überraschungen: In der frisch gepflanzten Rabatte klaffen Löcher, während die ausgerissene Stiefmütterchen verloren im Weiher vor sich hindümpeln. Wer macht denn sowas??? Auch alle Zierlauchpflanzen wurden fein säuberlich geköpft, bevor das lila strahlende Allium seine kugelrunden Blüten entfalten konnte. Thomas und Alex lassen die Schultern hängen. Manchmal haben sie einfach keinen Bock mehr auf ihren Kampf gegen Windmühlen. Thomas stöhnt, während er mit langer Greifzange den Müll vom Rasen aufklaubt und in eine blaue Tüte sammelt. Nicht nur Pommes, sondern auch frische Kokosscheiben bleiben auf der Wiese liegen. Bio und vegan sind scheinbar mehr im Trend, als seinen Müll selbst wegzuräumen. Das lässt nicht mal Gemütsmenschen kalt, wie Thomas und Alex es sind. Aufmunternde Worte können das nicht mehr ausgleichen. In unserer Gemeinde kam und deshalb die Idee zu einer Aktion.
Beim sommerlichen Hinterhoffest erzählten wir von der Arbeit der Männer. Anschließend wurde ein persönlicher Clip aufgenommen, der sich an sie richtete. „Wir wollen euch Stadtparkpflegern ein Dankeschön sagen. Ihr seid so Spitze! Ihr schafft Ordnung, pflanzt wunderbar, seid bei Wind und Wetter, Hitze und bei jedem Sturm unterwegs, damit wir den Stadtpark genießen können. Wir sind stolz auf euch und danken euch!“ Bei diesem Stichwort zeigte der Kameraschwenk zum Publikum, wie alle klatschten, winkten, jubelten und auf die Tische klopften, bis das Geschirr zu klappern begann. Ein 33-Sekunden-Gruß mit Auswirkung.
An Thomas gesendet wurde er innerhalb kürzester Zeit für die gesamte Gruppe der SÖR Arbeiter geteilt. Auch unser DANKE Plakat machte die Runde in Chat. Außer unseren Unterschriften fanden sich kleine Sätzen wie: „Natur im Stadtpark tut der Seele gut. Danke!“ und „Ihr seid die Besten!“ Am nächsten Tag brachten wir das Plakat und je eine kleine Tüte Nervennahrung zu den Männern. Überwältigt und mit Pipi in den Augen nahmen sie die Geste der Wertschätzung entgegen. Ihre Gesichter strahlten. „Ihr seid unser Fanclub!“, lachten sie. Das Dankesplakat wollen sie rahmen und ihm einen Ehrenplatz in der Kaffeestube geben. Die Aktion hat bei uns allen Spuren hinterlassen. Mit so wenig Aufwand kann man Wertschätzung ausdrücken und indirekt Mut zusprechen. Das macht viel länger glücklich, als jede Form von Egoismus.
Übrigens war das Sprichwort meiner Oma nicht von Anfang an ein Reim. Der Gedanke von stammt von Jesus Christus. Er forderte die Menschenmenge auf, die ihm und seiner Bergpredigt mit großen Ohren zuhörte: »Behandelt eure Mitmenschen in allem so, wie ihr selbst von ihnen behandelt werden wollt.« Als Goldene Regel wird diese Passage unter Theologen bezeichnet. Mir scheint, im Zusammenleben ist diese Regel sogar wertvoller als Gold… Einen Unterschied zum Sprichwort meiner Oma gibt es allerdings. Dieses mahnt zur Vermeidung des Falschen, von dem wir uns selbst zurückpfeifen sollten, bevor es – Autsch!!! – als Bumerang zurückkommt. Jesus setzt schon vorher an. Er lädt uns ein auf den Weg, über das Gute und Richtige nachzudenken und es auch zu tun. Jede weise Haltung und Aktion stellt die Weichen besser. Immanuel Kant (1724 – 1804) greift mit seinem kategorischen Imperativ die Thematik philosophisch auf. Da heißt es: „Handle nur nach derjenigen Maxime, von der du wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde!“. Schlichter ausgedrückt bedeutet das: „Würdest du wollen, dass alle es so tun?“ Mir gefällt die Jesus-Variante besser.
Sie stellt nicht nur ein theoretisches Prinzip, sondern die Beziehung zum Mitmenschen ins Zentrum. Und darauf kommt es doch im Alltag an. Als kürzlich vor dem Sportstudio mein alter Kaugummi nicht genau in die Öffnung des Abfallbehälters traf, sondern knapp daneben, reichte eine innere Frage. Wer, wenn nicht ich, soll denn meinen Kaugummi aufheben??? Kaum zu Ende gedacht hatte ich mich schon gebückt und diesmal die Öffnung besser getroffen.
Ich will mich daran halten. Nicht, damit meine Oma mit mir zufrieden wäre, sondern weil ich - wie sie - Jesus Christus vertraue. Er war nicht nur Gotteskenner, sondern auch ein Menschenkenner und schickt uns auf den besten Weg ins Miteinander. Seine wahrhaft Goldene Regel überdauert die Zeiten, überwindet das Recht des Stärkeren und beschämt die dreiste Vorteilnahme. – Allerdings nur, wenn möglichst viele sie sich zu eigen machen. Ich bin dabei. Es bleibt eine gute Strategie für die Zukunft, unbeirrt den eigenen zu Werten folgen, auch wenn andere sie mit Füßen treten.
Deshalb schwöre ich mir jetzt schon: Falls ich irgendwann an einem anderen Wagen beim Ausparken einen Kratzer verursache, werde ich mich melden. Weil es richtig ist und weil ich nicht anders leben will, als ehrlich und aufrichtig. Dass es letztens jemand mit unserem Auto genau umgekehrt gemacht hat und uns mit dem Kratzer stehen ließ, ist eine andere Geschichte. Die lasse ich hinter mir.
Sobald meine neu geborene Enkelin sowas versteht, will ich es ihr vorleben und erklären, genauso ermutigend wie meine Oma. Das mit dem großen Messer und dem Brot lasse ich allerdings bleiben…
Autor:Online-Redaktion |
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