Erfahrung
Wenn die Vorbereitung fehlt: Aufbruch verschoben

Mit einem Jahr Verspätung pilgerte Eberhard Grüneberg 2018 in zehn Wochen von Eisenach nach Assisi.
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 Von Eberhard Grüneberg

Mein persönlich letzter Aufbruch war eine Pilgerreise auf der Via Romea. Der Wunsch nach einer solchen Auszeit kam nicht von ungefähr. Oft hörte ich das von Leuten in Sprech-Berufen: Wer von Berufs wegen viele Tage im Jahr intensiv kommuniziert oder täglich Kontakt mit vielen Menschen hat, wird nicht nur gelegentlich im Privaten etwas maulfaul, sondern mit den Jahren keimt die Sehnsucht auf, einmal eine gewisse Zeit nur ganz für sich allein zu sein.
Je größer das Ungleichgewicht zwischen der Notwendigkeit ist, immer abliefern und geben zu müssen, und der Möglichkeit, eigene neue Impulse aufnehmen und Erholungsphasen einlegen zu können, desto stärker wird diese Sehnsucht. Nur wer selbst immer neu inspiriert und regeneriert ist, kann sich mit Überzeugung und Ausstrahlung vor andere Menschen stellen und sie im Innern berühren und begeistern.
Aber manchmal ist das schwer hinzukriegen. Ich kann mich noch an die eigene Verblüffung erinnern, als ich vom Pfarramt direkt in die Diakonie Thüringen wechselte. Im Pfarramt ging es vor allem darum, sich selbst zu organisieren, den Tag zu strukturieren und die wöchentlich wiederkehrenden Veranstaltungen sinnvoll zu planen. Das bedeutete ein hohes Maß an Eigenverantwortung. In der Geschäftsstelle der Diakonie dagegen war mein Arbeitsalltag schon für Wochen vorgeplant, unabhängig von meinen Vorstellungen. Die Termine zahlreicher Gremien standen schon für das kommende Jahr fest. Das hohe Maß an Fremdbestimmung war anfangs sehr gewöhnungsbedürftig, aber irgendwann normal. In diesem vorgegebenen „fremdbestimmten“ Alltag galt es vor allem zu funktionieren, um die vielfältigen Aufgaben einigermaßen zu bewältigen.
Am Ende meiner Dienstzeit war ich körperlich erschöpft, geistlich ausgezehrt – und dankbar, vorzeitig in den Ruhestand gehen zu können. Und unmittelbar nach meiner Verabschiedung wollte ich zu meiner Pilgerreise aufbrechen. Endlich und langersehnt, dachte ich.
Aber ein paar Tage vor meinem geplanten Aufbruch streikten aus mir unerklärlichen Gründen zum ersten Mal in meinem Leben die Knie. Sie schwollen an, füllten sich mit Flüssigkeit und schmerzten wochenlang. Meine Reise war geplatzt. Erst nach einem guten halben Jahr lösten sich die Probleme auf. Eine richtige Diagnose aber hatten sämtliche Untersuchungen nicht zutage gebracht. Keine Arthrose, kein Rheuma, keine Borreliose, kein Meniskus, nichts. Ich hatte Knieprobleme ohne Grund!
Oder doch nicht? Ich denke heute, ich war, ohne es selbst zu begreifen, noch nicht richtig für den Aufbruch vorbereitet. Tief in mir hatte ich Angst vor diesem Aufbruch ins Ungewisse und fühlte mich dem nicht gewachsen, ohne es selbst zu erkennen. Diese Bangigkeit war mir auf die Knie geschlagen.
Ein Jahr später, nach vorbereitendem Training und Fitnessprogramm, startete ich am 14. Mai 2018 in Eisenach und lief in zehn Wochen 1 368 Kilometer bis nach Assisi, ohne dass sich einmal die Knie auch nur zaghaft meldeten. Die Skepsis der ersten Tage, ob sie denn durchhalten würden, war umgeschlagen in eine heitere Aufbruchsstimmung. Darauf hatte ich mich gefreut: Frei und selbstbestimmt die Tage angehen, ohne Verpflichtungen und Zwänge, einfach nur den Weg unter die Füße nehmen und die Zeit genießen.
Und die Pilgerreise hielt, was ich mir von ihr versprach. Sie war ein kleines Abenteuer mit wunderbaren Landschaften, beglückenden Begegnungen und spirituellen Impulsen in unverhofften Situationen. Das andauernde Gehen von Berg zu Berg, von Herberge zu Herberge, von Kirche zu Kirche und von Gebet zu Gebet kann aber als Quelle für neue Lebenskräfte, innere Ruhe, Zuversicht und Gottvertrauen gar nicht genug geschätzt werden. Pilgern eben! 

Grüneberg, Eberhard: Zu Fuß zu Franziskus. Von Eisenach nach Assisi auf der Via Romea, Wartburg Verlag, 192 Seiten, ISBN 978-3-86160-572-0, 16 Euro
Buchpräsentation zur Leipziger Buchmesse am 12. März, 18 Uhr, Reisemission, Jacobstraße 10, Leipzig

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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