Passionszeit
Wann weniger mehr ist
- Martina Stieber
- Foto: Communität Christusbruderschaft Selbitz
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Verzicht, das klingt nach Mangel, Anstrengung und schlechter Laune. Dass dem „Weglassen“ so ein schlechter Ruf vorauseilt, hat auch mit den biblischen Geschichten zu tun, die vom Fasten berichten. Martina Stieber begreift die Passionszeit eher als Entfaltungsraum. Beatrix Heinrichs hat die Schwester der Communität Christusbruderschaft Selbitz in Halle erklärt, warum Verzicht eine Chance sein kann.
In der Passionszeit finden wir uns in einem starken Kontrast wieder: Gerade haben wir noch ausgelassen Karneval gefeiert – nun sollen wir maßhalten, sogar verzichten. Schließen sich Feiern und Verzichten grundsätzlich aus?
Sr. Martina Stieber: Nein, im Gegenteil! Bei beiden Dingen geht es darum, dass das Leben mehr Raum bekommt. Es sind nur zwei sehr gegensätzliche Ausdrucksformen. Das Feiern ist laut, geschieht in Gemeinschaft und das Glück ist in der Regel schnell spürbar. Verzichten dagegen ist still, meist bin ich damit alleine und es braucht Zeit bis ich darin das Leben in Fülle entdecke.
- Martina Stieber
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Verzicht, das klingt nach Mangel, Anstrengung und schlechter Laune. Warum eilt dem „Weglassen“ so ein schlechter Ruf voraus?
Weil niemand möchte, dass es einem selbst an etwas mangelt. Weglassen birgt oft die Assoziation, dass es mir schlecht gehen muss. Und das will niemand. Mir hilft der Perspektivwechsel. Ich lasse nicht etwas weg oder verzichte, damit es mir schlecht geht, sondern weil ich mich für etwas entscheide. Ich lasse etwas weg, damit etwas Anderes die Chance hat, mehr Raum zu bekommen.
Welche Bedeutung hat der Verzicht im religiösen Kontext?
In der Bibel lesen wir von Fasten meistens im Kontext von Schuld, Umkehr oder aus einer Sehnsucht heraus, weil Menschen Gott besonders nah sein wollten. Mit meinem Fasten Gott gnädig stimmen, das war bis zu Zeiten der Reformation eine gängige Praxis. Dabei finden wir schon beim Propheten Jesaja deutliche Worte, welches Fasten Gott von uns Menschen ersehnt. Da lesen wir von Haltungen, die dem Leben dienen. Im 58. Kapitel heißt es: Das wäre ein Fasten, wie ich (Gott) es liebe: Löst die Fesseln der zu Unrecht Gefangenen, bindet ihr drückendes Joch los! Lasst die Misshandelten frei und macht jeder Unterdrückung ein Ende! Teil dein Brot mit dem Hungrigen, nimm die Armen und Obdachlosen ins Haus auf. Wenn du einen nackt siehst, bekleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Nächsten!
- Essen mit Blick auf die Uhr: Intervallfasten liegt im Trend. Die Methode ist mehr als bloße Diät. Es geht um einen ganzheitlichen Lebenswandel.
- Foto: Foto: epd-bild/Heike Lyding
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Viele denken beim Fasten an die „kulinarische Dreieinigkeit“: Fleisch, Schokolade, Alkohol. Gibt es andere Wege sich den Leiden Jesu zu nähern?
Jedes Jahr gibt es eine Fastenaktion der evangelischen Kirche „7 Wochen ohne …“. Ich bin ein Fan davon, weil diese Aktion den biblischen Faden von Jesaja 58 aufnimmt und mich locken will, eine innere Haltung sieben Wochen lang einzuüben. Dieses Jahr lädt der Kalender mit Impulsen zu „7 Wochen ohne Härte“ ein. Und ich ertappe mich sofort schon beim Lesen der Überschrift dabei, dass das auch mich betrifft. Wie oft reagiere ich mit Härte, weil ich genervt oder müde bin oder weil ich mich schützen will, gerade eine dünne Haut habe und nicht möchte, dass die Andere das merkt? Ich habe mich vor ein paar Jahren in der Fastenzeit darin eingeübt, mein Gegenüber nicht in Schubladen zu stecken. Es war schwerer als ich dachte!
Was macht diese anderen Wege besonders wertvoll?
Sie führen mich und die Menschen, denen ich begegne, mehr ins Leben. Fasten, im Sinne einer Übungszeit, um etwas bewusst anders zu machen, kann mich auf das Wesentliche bringen. Ich steige aus meiner Routine aus. Ich merke, dass mir etwas fehlt. Und schon bin ich bei der Frage: Was macht das mit mir? Wie gehe ich mit dem Mangel um? Und was fehlt mir wirklich? Wenn ich mich mit diesen Fragen konfrontiere, birgt das immer die Chance zu mehr Lebendigkeit, für mich und für Andere.
Sie sind Schwester der Communität Christusbruderschaft Selbitz. Welche Entbehrungen bringt das Klosterleben mit sich?
Die meisten Fragen, die Jugendliche mir stellen, beginnen mit: „Dürfen Sie…?“ Ich finde es interessant, dass Kloster oft mit Entbehrung oder Verzicht verbunden wird. Ich erlebe in dieser Lebensform jede Menge Freiheit, auch Herausforderung und viel Entfaltungsraum.
- Sakrales Schmuckstück: In den zurückliegenden zehn Jahren wurde die Kirche Schritt für Schritt saniert. Hier bietet sich ein Blick von der Turmempore zum Altar.
- Foto: Claudia Crodel
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Gab es etwas, auf das Sie verzichten mussten, als Sie sich für ein Leben in der Kloster-Gemeinschaft entschieden haben?
Ja, für mich war ein großer Verzicht, dass die vielen Freundschaften, die mir so kostbar in meinem Leben geworden sind, eine andere Form finden mussten. Für mich war da gerade am Anfang erstmal mehr Distanz als Verbundenheit spürbar. Die Angst, Menschen zu verlieren, war groß. Auch weil ich gemerkt habe, dass ich meine Entscheidung nur teilweise in Worte fassen konnte.
Wie sind Sie damit umgegangen?
Erst habe ich versucht viel zu sprechen. Gespräche über Gespräche. Ich wollte doch so gerne, dass mein Schritt verstehbar wird. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass eine Lücke bleiben wird. Das war schwer und schmerzlich für beide Seiten. Aber wie oft ist es die Realität, dass Lücken zwischen uns Menschen bleiben, die es auszuhalten gilt. Wichtig ist mir geworden, selbst klar zu bleiben. Weiterzugehen. Im Rückblick hat sich diese Lücke erst geschlossen, als mich Freunde und Freundinnen in der Communität besucht haben.
Wie kann man vom Verzicht profitieren?
Freiwilliger Verzicht setzt voraus, dass ich weiß wofür ich verzichte. Das „Ja“ muss größer sein als der Verzicht. Dann kann ich das Leben darin entdecken, das darauf wartet, von mir entdeckt zu werden.
HINTERGRUND:
Die Communität Christusbruderschaft Selbitz ist ein Orden innerhalb der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Gegründet wurde die Communität 1949 in Schwarzenbach an der Saale. Das Kloster auf dem Petersberg in Halle (Saale) besteht seit 1999 als Außenkonvent der Communität. Gegenwärtig gibt es in Deutschland etwa 21 evangelische Kommunitäten, in denen Schwestern und Brüder nach den drei evangelischen Räten Armut, Keuschheit und Gehorsam leben. Eine Schwester der Communität Christusbruderschaft Selbitz, die Historikerin Nicole Grochowina, ist seit 2024 Mitglied des Rates der EKD.
Autor:Beatrix Heinrichs |

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