EKD-Friedensbeauftragter
Kramer: "Die Welt, wie wir sie kannten, endet"

Foto: epd-bild/Paul-Philipp Braun

Der Ukrainekrieg birgt nach Ansicht von Landesbischof Friedrich Kramer das Potenzial für einen neuen Dreißigjährigen Krieg. Gelinge es nicht, ihn zu beenden, werde das verheerende Folgen für Europa haben, sagte der Friedensbeauftragte der Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) im Gespräch mit Matthias Thüsing. Trotz einer Zunahme von Gewalt und Krisen setze er weiter auf die Friedenskräfte des Glaubens. Dabei mahne er, dass Hass, der sich religiös tarnt, nichts mit Glauben zu tun habe und den Frieden zwischen den Religionen nachhaltig bedrohe.

Herr Landesbischof, immer wieder wird Gewalt im Namen von Religion verübt, zuletzt etwa in Australien. Was löst das bei Ihnen persönlich aus?
Kramer:
Antisemitismus agiert nicht im Namen einer bestimmten Religion, sondern wird teilweise durch religiöse Ideen verstärkt. Da blicken auch wir Christen auf eine düstere Geschichte zurück. Aber Antisemitismus ist in seiner modernen Form ein eher rassistisches Konstrukt, das ich nicht als religiös bezeichnen würde, das aber religiöse Wurzeln hat.
Gottlose Taten

Aber wir leben doch in einer Welt, in der etwa Muslime Weihnachtsmärkte angreifen, Christen Muslime überfallen und Juden palästinensische Siedler töten. Und immer wieder wird sich auf die Religion berufen …
Kramer:
Diese Taten sind gottlos. Als ich die Nachrichten aus Australien gehört habe, musste ich sofort wieder an den Anschlag in Halle denken. Diese Taten sind ein Irrsinn. Aber es zeigt, dass die jahrtausendealten böswilligen Verdächtigungen, Gerüchte und Fake News zwischen den Religionen als Wurzeln immer noch da sind - und jederzeit abrufbar. Das muss uns noch einmal achtsam machen in der Art, wie wir reden. Wir müssen darauf setzen, dass die Friedenskräfte der Religion größer sind als die von Hass befeuerten Kräfte.

Wie soll das gelingen?
Kramer:
Jesus fordert uns an sehr vielen Stellen der Schrift zur Gewaltlosigkeit auf. Dass es trotzdem immer wieder funktioniert, dass wir uns Dinge so denken, dass die Abkehr von der Gewaltlosigkeit dann passt, hängt immer auch mit der jeweiligen gesellschaftlichen Situation zusammen. Erinnern wir uns nur an die Deutschen Christen, die dem Nationalsozialismus gefolgt sind, oder an das Entjudungsinstitut der Kirche in Eisenach. Da fragen wir uns heute auch, wie man sich das so zusammendenken konnte. Aber die Beispiele zeigen umgekehrt auch, dass wir immer wieder an der Heiligen Schrift prüfen müssen, was wirklich Jesu Geist ist. Dafür müssen wir dann gewaltfrei streiten. Das ist eine zutiefst protestantische Haltung. Und oft denken wir zu kurz, sind von der konkreten Situation, wie etwa dem Krieg in der Ukraine, gefangen und können nicht weiterdenken, nicht im großen Horizont des Friedensreiches Christi gegen die Kriegswirklichkeiten den gerechten Frieden weiterdenken.

In der Friedensschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist von einer „Welt in Unordnung“ die Rede. Haben Sie angesichts all der Konflikte und Kriege auf dieser Welt die Hoffnung, dass wir wieder zu mehr „Ordnung“ und damit Frieden zurückkehren?
Kramer:
Ja. Aber die Unordnung war immer vorhanden. Stellen Sie sich vor, Sie leben in einem ostkongolesischen Dorf. Durch diese Gebiete ziehen seit Jahrzehnten Rebellen und Soldaten mordend hindurch. Das war immer da. Aber wir haben nicht hingeschaut. Wir in Europa hatten vor 20 Jahren auch den Krieg im Kosovo. Wir haben in Afghanistan gekämpft. Die Welt war und ist immer in Unordnung gewesen. Dass sich der Blick auf die Ordnung so stark geändert hat, ist eine europäische Perspektive.

Aber die Unordnung hat sich doch unbestritten verstärkt.
Kramer:
Ja, ich sehe, dass die Unordnung in der Welt zugenommen hat. Es ist unstrittig, dass die Gewalt in furchtbarer Weise durch die brutalen Kriege angestiegen ist. Laut Friedensgutachten 2024 hat sich die Zahl der zivilen Opfer militärischer Auseinandersetzungen zuletzt verdreifacht, die Flüchtlingszahlen haben sich verdoppelt. Verstärkt haben sich auch die Krisen und ihre Vielzahl. Corona, Gaza oder die Ukraine und ihre Folgen haben das Gefühl der Unordnung verstärkt. Amerika will die lange als unverrückbar geglaubten Sicherheitszusagen nicht länger erfüllen. Wir merken: Die Welt, wie wir sie kannten, endet. Es wird anders.
Pflicht zur Gewaltlosigkeit

Zurück zur Hoffnung: Haben Sie die Hoffnung, dass es gut wird?
Kramer:
Ja, wir Christen wissen, dass es auf ein Friedensreich zugeht. Und wir haben erfahren, dass aus Gebeten eine friedliche Revolution wachsen kann, dass Abrüstung und Friede zusammen möglich sind. Und wir haben einen Ordnungsrahmen in den Vereinten Nationen mit einer pazifistischen Weltordnung. Die dort vorgegebene Ordnung ist gut: Konflikte sollen friedlich gelöst, Menschenrechte geachtet werden. Daran müssen wir unbedingt festhalten. Ich setze auf diese Ordnung. Und ich habe großes Vertrauen darauf, dass wir all diese Brutalität und Gewalt auch wieder eindämmen können, dass Krieg verlernbar ist. Denn was entstehen kann, kann auch wieder aufhören. Wir wissen nicht, wie und wann etwa die Verhandlungen zur Ukraine zu einem Ergebnis führen werden. Aber als Christen ist es unsere Pflicht, sich dafür einzusetzen, dass die Gewalt endet.

Glauben Sie an einen Waffenstillstand oder sogar Frieden zwischen Russland und der Ukraine im Jahr 2026?
Kramer:
Ich bete dafür und hoffe. Und dennoch sagt meine Vernunft mir: Es wird ein sehr schmaler Grat. Ob es zu einem Frieden kommt, wird auch von Europa abhängen: wie stark die Zusagen sind und wie stark man auf die Ukraine einwirkt, unbequeme Entscheidungen zu treffen. Ich hoffe sehr auf ein Ende der Kampfhandlungen, und zu einem gerechten Frieden ist es dann ein langer Weg. Der Ukrainekrieg geht schon zu lange und hat das Potenzial für einen zweiten Dreißigjährigen Krieg. Das würde für die Ukraine, Russland und gerade auch für Europa in ein finanzielles Desaster und ein wirtschaftliches Ausbluten führen. Über dem Portal von Schloss Friedenstein hat der Gothaer Herzog Ernst der Fromme (1601-1675) unmittelbar nach dem Dreißigjährigen Krieg die Losung „Friede ernähret, Unfriede verzehret“ anbringen lassen. An diese Mahnung sollten wir immer denken.

epd

Autor:

Online-Redaktion

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

51 folgen diesem Profil

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Karte einbetten

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Code einbetten

Funktionalität des eingebetteten Codes ohne Gewähr. Bitte Einbettungen für Video, Social, Link und Maps mit dem vom System vorgesehenen Einbettungsfuntkionen vornehmen.
Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.