Nahostkonflikt
Uni Jena ringt weiter um Haltung

Foto: adobe.stock/ FSEID

Zwei für Januar geplante Vorträge israelkritischer Autoren sorgen für Widerspruch an der Universität Jena. Hochschulpräsident Andreas Marx lässt die Einladungen nun überprüfen.

Von Matthias Thüsing 

Der Nahostkonflikt sorgt weiter für Spannungen an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Nachdem im Oktober der Vorstoß mehrerer Professoren gescheitert war, israelische Hochschulkooperationen pauschal auf Militärbezüge zu prüfen, gibt es jetzt Proteste gegen die Einladung der Autoren Michael Lüders und Wieland Hoban. Beide sprechen in der Reihe „Frieden denken in Zeiten des Krieges“ am Institut für Politikwissenschaften. Studierende und das Netzwerk Jüdischer Hochschullehrender äußerten in offenen Briefen „tiefe Besorgnis“.

Lüders wird vorgeworfen, den Nahostkonflikt zu vereinfachen und wissenschaftliche Standards nicht konsequent einzuhalten, insbesondere durch eine einseitige Delegitimierung Israels. Hoban steht als Vorsitzender der vom Verfassungsschutz als gesichert extremistisch eingestuften „Jüdischen Stimme“ sowie wegen seiner Nähe zur Israel-Boykott-Bewegung (BDS) in der Kritik.

Sorge um Debattenraum

Für das Netzwerk jüdischer Hochschullehrer birgt die Einladung beider Referenten das „Risiko, Deutungen zu befördern, die antisemitische Muster normalisieren“. Dadurch drohten sie, sowohl dem wissenschaftlichen Anspruch der Universität als auch ihrer Verantwortung als öffentlicher Bildungs- und Debattenraum zu widersprechen.

Unterstützung erhält das Netzwerk vom Ring Christlich Demokratischer Studenten (RCDS) und der Liberalen Hochschulgruppe (LHG) an der Universität Jena. Der LHG-Vorsitzende Nicolai Demisch erklärte, es sei ein Skandal, dass Universitätsräume für Akteure geöffnet würden, die laut Sicherheitsbehörden mit Terror-Sympathisanten verflochten seien. So etwas dürfe nicht genehmigt werden. Der RCDS Vorsitzende Ronny Steinicke sieht an seiner Universität gar ein „antisemitisches Netzwerk“ am Werk, das sich „gegenseitig die Bälle zuspielt und wissenschaftlichen Anspruch zugunsten politischen Aktivismus aufgegeben hat“.

Gibt es ein antisemitisches Netzwerk?

Steinicke bezieht sich auf einen seit Monaten schwelenden Kampf um die Deutungshoheit des Gazakonflikts auf dem Campus. Erstmals hatte im April 2024 die Einladung des palästinensischen Arztes Qassem Massri durch die Evangelische Studentengemeinde für Diskussionen abseits seines Vortrags gesorgt. Massri berichtete über „genozidale Zerstörungen des Gesundheitssystems in Gaza“ und erhob schwere Vorwürfe gegenüber Israel als Kriegspartei. Teile des Publikums empfanden den Vortrag als antisemitisch. Massri bestritt dies.

Im Oktober scheiterten Lehrstuhlinhaber aus fünf Fakultäten, darunter der Theologe Martin Leiner, mit einer Aufforderung an den Senat, eine Sonderprüfung israelischer Hochschulkooperationen durchzuführen. Schon hier hatten die Jüdischen Hochschullehrenden die Forderung als Gefährdung der Wissenschaftsfreiheit und Ausgrenzung jüdischer und israelischer Forschender verurteilt. Besonders die Bezugnahme auf eine Resolution der International Association of Genocide Scholars wurde kritisiert. Wer Israel vorschnell mit Begriffen wie „Völkermord“ belege, normalisiere antisemitische Deutungsmuster.

Hochschulleitung verlangt Stellungnahme

Leiner selbst bestreitet entschieden den Vorwurf des Antisemitismus und sieht sich bewusst missverstanden. Er betonte bereits im Oktober, selbstverständlich halte er auch weiterhin gute Kooperationen mit israelischen und jüdischen Kollegen aufrecht.

Hochschulpräsident Andreas Marx erklärte, seine Universität nehme die kritischen Stimmen, die sich auf die beiden geplanten Vorträge beziehen, „sehr ernst“. Die Bewertung der Organisation „Jüdische Stimme“ als „sicher extremistische Bestrebung“ durch Sicherheitsbehörden gebe Anlass zu einer sorgfältigen Prüfung und werfe Fragen nach der Verantwortung und der angemessenen Rahmung der Veranstaltungsreihe auf.

Daher habe die Hochschulleitung die Verantwortlichen der Veranstaltungen um eine Stellungnahme gebeten. „Das Präsidium behält sich vor, die erteilte Raumzusage zu überprüfen und gegebenenfalls zurückzunehmen“, kündigte Marx an. Hinweise auf ein antisemitisches Netzwerk an der Universität sieht Marx aktuell aber offenbar nicht.

(epd)

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Online-Redaktion

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