Interview zu Gesundheit im Pfarrberuf
„Es bleibt ein Kampf, das eigene Leben im Beruf nicht zu verlieren.“

Der Konsultationstag zur Gesundheit im Pfarrberuf bot Gelegenheit, um sich über die eigene Erfahrung mit beruflichen Belastungen auszutauschen. Die Pfarrerinnen Schurig und Theilemann reflektierten über ihr Erleben im Landpfarramt im Gespräch mit Katharina Freudenberg.

Können Sie den Beruf der Pfarrerin so ausüben, dass Sie dabei gesund bleiben?
Schurig: Momentan fühle ich mich gesund. Es gibt ja ganz natürliche Schwankungen, wo ich mehr Kraft habe und mal weniger, wo mehr Anforderungen sind und mal weniger. Jetzt momentan fühle ich mich gut, gesund und geerdet. Aber man kann das nur als Momentaufnahme sagen, es gibt da auch schwerere Zeiten.

Und was brauchen Sie dafür, um so gesund zu bleiben?
Schurig: Es geht mir gut, wenn ich auch Zeit für mich habe, um ein Buch zu lesen, ein wenig zu trödeln oder für Erledigungen. Je weniger Zeit ich für mein privates Leben habe, je ungesünder fühle ich mich. Das ist ja nun auch kein Geheimnis, das hört man überall. Im Moment läuft das gut. Da kann ich gut auf mich aufpassen und die Stapel auf dem Schreibtisch auch mal einen Moment liegenlassen, um mich hinzusetzen, einen Kaffee zu trinken und dabei in ein Buch zu schauen. Das kann ich aber nur für mich entscheiden, dafür bin ich verantwortlich.

Die Studie zur Belastbarkeit hat ergeben, dass es im Pfarrberuf oft die hohe Anzahl unterschiedlicher Anforderungen ist, die auf Dauer zur Belastung wird. Trifft dies auf Sie auch zu?
Schurig: Ich habe mich da wiedergefunden in dieser Studie. Und wenn ich nicht für diesen Ausgleich sorge, wenn ich nicht beides, Beruf und Privatleben sehe, dann bin ich auch nicht gut, dann leide ich eher unter Stress, bin unkonzentrierter.

Oberkirchenrat Lehmann sagte, dass ein Hauptaspekt, der ihn zu diesem Thema umtreibt, die Abgrenzung ist, das Setzen guter Grenzen. Frau Theilemann, wie geht es Ihnen mit ihrem Beruf der Pfarrerin?

Theilemann: Ich habe eine Weile gebraucht, mein Maß zu finden für die Dinge, die sein müssen. Ich habe festgestellt, dass es mehr bringt, weniger Dinge zu tun und dafür dann aber auch Zeit zu haben. Mich macht sehr froh, dass die Gemeinden aus meinem Dienstbereich diese Haltung unterstützen. Ich denke, das die Gefahr der Überlastung nicht besteht, wenn das soziale Umfeld stimmt. Es hat also nicht nur mit mir und meinen Aufgaben zu tun, sondern auch damit, wie die Gemeinden dazu stehen und was man für Rückmeldungen bekommt. Es ist dann ganz schlimm, wenn man immerzu macht und macht und dabei das Gefühl hat, es kommt nichts an oder zurück.

Welche Dinge haben Sie bewusst weggelassen?

Theilemann: Zum Beispiel die Verwaltung. Da habe ich ganz klar gesagt, dass ich das nicht schaffe, sondern eine Sekretärin brauche. Das hat geklappt und es hat viel verändert. Denn ich kann nun hauptsächlich das tun, weswegen ich Pfarrerin geworden bin. Meine Kernaufgaben Verkündigung und Seelsorge erfülle ich mit Freude und mit Spaß. Wenn das nicht der Fall wäre, würde ich aufhören. Es hat bei uns im Kirchenkreis auch eine Visitation gegeben und ein Ergebnis davon war, dass wir Verwaltungsstellen brauchen. Und das ist ja auch logisch, wir sind ein Amt, an das ständig Anfragen gestellt werden. Aber wie soll ich denen nachkommen, wenn ich verstärkt Gemeindeglieder besuchen möchte?
Schurig: Ich frage mich dabei, wie wir es als Pfarrerinnen und Pfarrer schaffen, gemeinsam mit den Gemeinden Veränderungen herbeizuführen. Denn ich höre auch von vielen Kollegen, dass die Gemeinde sagt, für so ein professionelles Sekretariat sei kein Geld da. Da scheint es große Unterschiede zu geben innerhalb unserer Landeskirche.

Ein Thema, das während des Fachtages mehrfach genannt wurde, ist das der Resonanz auf das eigene Tun. Welche Rolle spielt das in ihrem Dienst?
Schurig: Also ich bekomme tolle Rückmeldungen auf Predigten und Kasualien. Manchmal bin ich beschämt über dieses Lob. Da habe ich auch mal formuliert, dass es hier nicht um mich geht, sondern um Christus. Ich finde es wichtig, dass ich in meinem Tun nicht abhängig bin vom Lob der Menschen. Aber es muss schon etwas geben, dass sich positiv als Resonanz anfühlt, sonst läuft man ins Leere. Manchmal spüre ich ganz deutlich Gottes Gegenwart, wenn es bei einem Gespräch knistert, wenn es bei einer Taufe ganz stimmig ist, wenn ich das Gefühl habe, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Dann kommt die Resonanz von woanders her als von einem Menschenwort. Da denke ich zum Beispiel an ein Abendmahl am Sterbebett und bekomme jetzt noch Gänsehaut. Denn es ist so etwas Besonderes, einen Menschen in den letzten Stunden seines Lebens begleiten zu dürfen. Und dann gibt es aber auch Gottesdienste, bei denen ich denke, ich habe eine gute Arbeit gemacht und ich merkte irgendwie keine Resonanz.

Was wünschen Sie sich an Unterstützung, um den Pfarrberuf langfristig gut ausfüllen zu können?
Schurig: Ich bräuchte eigentlich mal eine Zeit ohne den laufenden Betrieb, um nochmal genau zu schauen, was wir brauchen. Das wäre wirklich ein Gewinn, wenn vielleicht alle fünf Jahre ein Vierteljahr frei wäre für eine Inventur, die der Pfarrer mit seinem Gemeindekirchenrat betreibt. Das könnte in einer Dienstvereinbarung verankert sein. Ansonsten geht es mir schon mehr um Freiräume als um Festlegungen. Das ist für mich das Besondere an diesem Beruf, dass wir ihn entsprechend unserer Kompetenzen gestalten können.

Ein Belastungsfaktor, der in der Studie genannt wurde, sind Konflikte, insbesondere im städtischen Kontext. Welche Rolle spielen Konflikte bei Ihnen im ländlichen Raum?

Theilemann: Ich habe viele, auch heftige Konflikte durchgestanden. Dabei habe ich Unterstützung vom Superintendent und auch vom Kreiskirchenamt bekommen, gerade für juristische Angelegenheiten.
Schurig: Ich selbst mag Konflikte nicht. Wozu streiten? Lohnt sich das? Da hole ich vorher erstmal Luft. Es hätte viele Gelegenheiten gegeben, mich in einen Konflikt zu begeben. Ich gehe aber erstmal mit einer gelassenen Grundhaltung daran und wäge ab, ob ich meine Kraft und Zeit darin investieren möchte. Ich hätte zum Beispiel einen Konflikt haben können, weil keiner aus dem Gemeindekirchenrat den Vorsitz übernehmen wollte. Das hätte einen Konflikt bis hinein in die tiefsten Gräben des Gemeindebildes bedeutet. Vielleicht hätte dann am Ende niemand mehr dem anderen das Vertrauen ausgesprochen. Vielleicht hätte uns der Konflikt auch weitergebracht, aber das Risiko war es mir in dem Moment nicht wert. Lieber habe ich eine konstruktive Lösung gesucht, indem ich den Vorsitz nur bis zur nächsten Wahl übernommen habe mit dem Hinweis, dass sich dann jemand dafür finden muss. Und der Vorsitz hat sich inzwischen auch gefunden. Aber vielleicht ist das auch eine Typ-Frage. Ich selbst kann eine Vielfalt an unterschiedlichen Meinungen gut ertragen, andere gehen dann gleich hoch. Aber definitiv haben Konfliktmanagement und Belastung viel miteinander zu tun.

Was nehmen Sie sich von den Erkenntnissen der Studie für Ihre Arbeit mit?
Theilemann: Vieles was ich aus dem Alltag des Pfarramts kenne, hat sich in der Studie bestätigt: dass es wichtig ist, gute Grenzen zu setzen, mir soziale Unterstützung zu organisieren und meinen Gestaltungsspielraum wirklich zu nutzen. Und ich musste innerlich so lachen bei dem Begriff „Erschöpfungsstolz“ nach dem Motto: „Wenn ich nicht erschöpft bin, dann bin ich kein guter Pfarrer.“ Diese Haltung ist ja gar nicht selten anzutreffen unter Pfarrern. Aber so möchte ich nicht sein.
Schurig: Mich hat besonders der Punkt aufhorchen lassen, dass die Arbeitsbelastungen in Stadt und Land ähnlich sind. Das verschiebt für mich nochmal was: dass man nicht die Pfarrer auf dem Land bemitleiden muss und die Städter neiden muss. Das ist für das kollegiale Miteinander wichtig. Und ich nehme mit, dass wir zwar einige strukturelle Nachsteuerungen brauchen, aber das wir auch selbst eine große Verantwortung für unsere Gesundheit tragen. Professor Herbst hat es so gut auf den Punkt gebracht: „Es bleibt ein Kampf, das eigene Leben im Beruf nicht zu verlieren. Wir werden nicht fertig damit.“ Ich hätte mir gewünscht, dass ich mal einen geordneten Arbeitsplan für meine Woche habe: montags passiert das und dienstags das. Aber ich weiß: Ich werde nicht fertig damit. Es lässt sich so klar und stur nicht ordnen, so ist das Leben nicht.

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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