Jahr der jüdischen Kultur
Chanukkia aus dem Erzgebirge
- Vor dem Brandenburger Tor in Berlin wird jedes Jahr der zehn Meter hohe Chanukka-Leuchter entzündet.
- Foto: epd-bild/Christian Ditsch
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Das jüdische Lichterfest Chanukka beginnt am Sonntag. Acht Tage lang wird gefeiert. In Sachsen gibt es dazu erstmals einen ganz besonderen Leuchter.
Von Katharina Rögner
Seit 126 Jahren fertigt seine Familie erzgebirgisches Kunsthandwerk. Ringo Müller leitet im sächsischen Seiffen eine Manufaktur in vierter Generation. 35 Mitarbeitende produzieren im Jahr etwa 30.000 Artikel - Pyramiden, Schwibbögen, Räuchermänner, Nussknacker und andere Figuren.
Im Februar erreichte den 55-jährigen Chef der „Müller - Kleinkunst aus dem Erzgebirge“ eine ungewöhnliche Anfrage: Ob seine Firma sich vorstellen könne, anlässlich des sächsischen „Jahres der jüdischen Kultur“ eine Chanukkia zu fertigen, lautete sie. Dem neunarmigen Leuchter kommt in den acht Tagen des jüdischen Lichterfestes eine bedeutende Rolle zu.
Meisterstück von 1996 als Vorbild
Der Seiffener Kunsthandwerker stimmte dem Auftrag ohne großes Zögern zu. Schließlich führte er bereits einen etwa ein Meter breiten Schwibbogen mit neun elektrischen Lichtern im Sortiment, groß genug, um auch in öffentlichen Räumen gesehen zu werden. Aber dies sei reiner Zufall gewesen, sagt er. Der Entwurf sei sein Meisterstück von 1996 und damals in der Branche der größte beleuchtete Schwibbogen für den Innenraum gewesen.
Die Chanukkia aus Seiffen ist ein Geschenk der sächsischen Landesregierung an die jüdische Community. Sie wird am Sonntag in Chemnitz zu Beginn von Chanukka erstmals öffentlich angezündet. Zugleich wird das sächsische Themenjahr „Tacheles“ zur jüdischen Kultur feierlich eröffnet. Etwa 400 Veranstaltungen sind landesweit geplant.
Für den jüdischen Leuchter entwarf Müller mehrere Vorschläge. Zunächst gab es große Verwunderung auf jüdischer Seite: Am Schwibbogen sind alle Kerzen gleich groß. Anders als bei der Chanukkia: Dort ist die Kerze in der Mitte, die sogenannte Dienerkerze („Schamasch“), größer als alle anderen. Sie wird auch immer zuerst angezündet beziehungsweise angeschaltet.
Symbiose zwischen Erzgebirge und Judentum
Müller und sein Team gingen ans Werk, setzten die neun Lichter nicht wie sonst üblich direkt auf den Bogen, sondern auf einer Leiste ganz gerade nebeneinander, in der Mitte das größte Licht. Unter dem hölzernen Bogen haben drei klassische Bergleute und ein Spielzeugmacher „Platz genommen“.
Diese typisch erzgebirgischen Figuren stünden stellvertretend für die Region und das Kunsthandwerk, sagt Müller. Der Bergbau habe über Jahrhunderte das Erzgebirge bestimmt, aus dem Talent einiger Bergleute sei schließlich auch die Holzkunst entstanden. „Wir haben eine schöne Symbiose geschaffen zwischen Sachsen, Erzgebirge und dem Judentum“, sagt Müller.
Kurz vor der Auslieferung gab es dann noch einen Aufreger: Die Kerzen des jüdischen Festleuchters werden von rechts nach links angezündet, so wie die hebräische Schrift gelesen wird. Die Müller-Firma hatte die Schaltung der elektrischen Lichter aber zunächst von links nach rechts vorgesehen. Das wurde nun geändert.
Die Organisatoren des sächsischen Themenjahres sind froh über das ganz besondere Stück aus dem Erzgebirge. Einer der Sprecher, Christian Landrock, sagt: Die Chanukkia aus Seiffen bleibe zunächst eine Woche lang im Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz (smac). Danach wird der Leuchter in Leipzig Teil des Auftaktprogramms zum Themenjahr. 2026 soll er dann nochmal in Chemnitz aufgestellt werden.
Jüdinnen und Juden kaufen Pyramide
Müller präsentiert sein Handwerk regelmäßig auch international. Mehrmals im Jahr ist er in den USA, er reiste auch in die Vereinigten Emirate. Er habe keine Scheu vor anderen Ländern oder Kulturen, schaue gern mal über den Tellerrand, sagt Müller. Unter seinen rund 100 verschiedenen Räucherfiguren sind auch der ägyptische König Tutanchamun und die berühmte Ägypterin Nofretete. Doch es gebe auch Grenzen, die er nicht überschreiten würde, sagt er. Eine Micky Maus als Nussknacker für Walt Disney habe er seinerzeit abgelehnt.
Auf seinen Reisen treffe er immer wieder auch Jüdinnen und Juden. „Ich habe auch schon eine Weihnachtspyramide an jüdische Menschen verkauft.“ Die Kundschaft schätze sein Handwerk, auch wenn sie einen anderen Glauben habe. Wichtig sei doch, „dass man sich als Mensch begegnet“, sagt Müller: „Wir haben mit unserem Handwerk die Möglichkeit, verschiedene Kulturen zu verbinden.“
(epd)
Autor:Online-Redaktion |
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