Jom Kippur
"Verzeihen ist etwas sehr Kostbares"

Blumen und Kerzen an der Synagoge in Halle im Oktober vor einem Jahr.
  • Blumen und Kerzen an der Synagoge in Halle im Oktober vor einem Jahr.
  • Foto: epd-bild/Steffen Schellhorn
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Sich zu versöhnen, ist nicht immer einfach - und auch nicht immer möglich. Manch einer kann und will sich nach einer tiefen Verletzung gar nicht erst damit auseinandersetzen. Im Judentum gibt es eine Phase, in der Versöhnung eine zentrale Rolle spielt: an Jom Kippur und in den Tagen davor. 

Von Laeticia Witte 

Dieser Versöhnungstag ist der höchste jüdische Feiertag. In diesem Jahr fällt er auf den 28. September und beginnt am Vorabend. "Davor bitten wir bei den Mitmenschen und bei Gott um Vergebung", sagt Elischa Portnoy, Rabbiner der jüdischen Gemeinden in Halle und Dessau. 

Wer an Halle und Jom Kippur denkt, hat sofort die Ereignisse vor knapp einem Jahr vor Augen, als der Feiertag auf den 9. Oktober fiel. Ein Bewaffneter versuchte damals, in die Synagoge einzudringen und ein Blutbad unter den 52 dort versammelten Menschen anzurichten. Als das misslang, tötete der Attentäter eine Passantin und einen Gast in einem Döner-Imbiss. Der Anschlag sorgte auch international für Empörung. Derzeit läuft in Magdeburg der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter. Ihm werden antisemitische und rassistische Motive zur Last gelegt.

Rabbiner Portnoy hielt sich am Tag des Anschlags in der Gemeinde in Dessau auf. Wenn er auf die Ereignisse zurückblickt, sagt er: "Es ist schwierig." Schwierig, über die Ereignisse zu sprechen und auch, den Anschlag mit dem Versöhnungsaspekt in Verbindung zu bringen. Der Rabbiner sagt: "Verzeihen, das ist schwer." Und macht eine Pause. "Die Gemeinde hat es unbeschadet überstanden, aber zwei Menschen sind tot." Bei vielen Gemeindemitgliedern habe der Anschlag Spuren hinterlassen; sie seien vorsichtig geworden, und für sie werde es nicht einfach, den Feiertag zu begehen - auch im Abstand von einem Jahr. "Die Menschen sprechen nicht so gerne darüber."

Jom Kippur, ein strenger Fasttag, wird in diesem Jahr nicht in der Synagoge begangen, sondern in einer großen Halle in der Stadt, erklärt Portnoy. Der Grund dafür ist mangelnder Platz in dem Gotteshaus wegen der Corona-Abstandsregeln. In die Halle passen laut Rabbiner etwa 50 Menschen. Geplant sei ein normaler Gottesdienst - unter Polizeipräsenz. "Das ist selbstverständlich", so Portnoy. Im Jahr des Anschlags dagegen war es das nicht. Die eigentliche Gedenkveranstaltung mit viel Prominenz ist für den Jahrestag am 9. Oktober in Halle geplant.

In diesen Tagen steht nun erst einmal die Versöhnung an oberster Stelle. "Denn es ist ein wichtiger Teil unserer Weltanschauung, dass alles, was passiert, von Gott kommt. Und ich kann meine Beziehung zu Gott verbessern, wenn ich anderen Menschen verzeihe", sagt Portnoy. Daher versuchten Juden in den Tagen vor Jom Kippur, Unstimmigkeiten und Streit beizulegen, innerhalb der jüdischen Gemeinschaft und auch darüber hinaus. Das klappt nicht immer. Gleichwohl zeuge es auch von Größe und dem Streben nach einer besseren Beziehung zu Gott, wenn jemand trotz aller Verletzungen zur Versöhnung bereit sei.

Für die wissenschaftliche Betrachtung des Versöhnens und Verzeihens ist Stephan Grätzel ein Experte. Er hat das Buch "Versöhnung. Die Macht der Sprache" geschrieben und an der Universität Mainz den Arbeitsbereich Praktische Philosophie geleitet. Er sagt: "Es kann etwas Unverzeihliches geben, aber es kann auch möglich sein, sich trotzdem zu versöhnen" - muss es aber freilich auch nicht. Grätzel erklärt Versöhnung als einen Prozess: Es muss die Bereitschaft vorhanden sein, bevor es überhaupt zu einer Verständigung kommen kann. Das setzt den Willen zur Aufarbeitung voraus.

Hilfreich könnten Therapien sein oder ein Gerichtsprozess im Fall von Straftaten. Wer Interesse an Versöhnung und Verzeihen hat, verabschiede sich von einem Schwarz-Weiß-Denken, weil er auf den anderen zugehe, betont Grätzel. Eine solche Offenheit habe Vorteile, denn: "Ein Verharren in der Unversöhnlichkeit ist belastend. Meistens ist jeder froh, diesen Zustand zu verlassen." Daher sei ein Versöhnungstag wie Jom Kippur, zu dem man sich bewusst mit diesen Themen beschäftigt, "großartig", sagt Grätzel. Und ergänzt: "Jemandem zu verzeihen, ist etwas sehr Kostbares."

(kna)

Jom Kippur

Jom Kippur ist seit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels der höchste Feiertag im Judentum. Der Versöhnungstag fällt in diesem Jahr auf den 28. September und beginnt mit dem Sonnenuntergang am Vorabend. Jom Kippur wird als strenger Fast- und Ruhetag begangen. Das öffentliche Leben kommt zum Erliegen. Es gibt weder Radio- noch Fernsehprogramme, auch der Flughafen ist an Jom Kippur geschlossen. Der höchste Feiertag wird von der Mehrheit der Juden, einschließlich der nicht-religiösen, eingehalten.

Neben Essen und Trinken sind an Jom Kippur nach der Thora sexuelle Kontakte, Körperpflege und Luxusgegenstände wie etwa Lederschuhe verboten. Am Versöhnungstag kleidet man sich weiß. Vor Anbruch der Nacht versammeln sich die Gläubigen in den Synagogen, um das Kol-Nidre-Gebet zu sprechen - den formelhaften Widerruf aller persönlichen Gelübde, Eide und Versprechungen gegenüber Gott, die unwissentlich oder unüberlegt abgelegt wurden.

Um eine Vergebung der gegen Gott gerichteten Sünden zu erhalten, müssen bereits vor Jom Kippur alle zwischenmenschlichen Verfehlungen ins Reine gebracht werden. Schon die zehn dem Feiertag vorausgehenden Tage sind deswegen geprägt von Buße und Fasten. Nach dem Talmud ist dies die Zeit, in der durch Einkehr und Umkehr für Sünden des Jahres gesühnt und somit das Urteil über den Eintrag in das Buch des Lebens positiv beeinflusst werden kann.

Der Versöhnungstag schließt mit dem Gebet der "Ne'ila", das einen letzten Appell an die Barmherzigkeit Gottes darstellt, bevor sich die Tore des Himmels schließen. Mit dem Ausgang von Jom Kippur wird mit den Vorbereitungen für das bevorstehende achttägige Laubhüttenfest (Sukkot) begonnen.

Weil sich die Terminberechnung nach dem Rhythmus des Mondes richtet, ist es ein bewegliches Fest. Das Fest fällt auf den 10. Tischri, den siebten Monat des jüdischen Kalenders. Tischri ist der Monat, in dem nach Auffassung des einflussreichen Rabbi Elieser (90-130 n. Chr.) die Welt und der erste Mensch erschaffen wurden. Neben dem Versöhnungstag und Sukkot fallen das jüdische Neujahrsfest (Rosch Haschana) und das Fest der Thora-Freude (Simchat Tora) in den Festmonat.

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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