Freitag vor eins...
Unsere Seite 1 - Die Legende von Folge 334

G+H Nr. 45 vom 10. November 2019

Was haben Floppy Disk, Mixtape samt Bleistift und - Achtung, jetzt kommt's - Rolf von der Post gemeinsam? Denken Sie mal scharf nach. Richtig, im digitalen Zeitalter sind sie ein Fall fürs Museum. Da ergeht es den Alltagshelden der 90er ähnlich wie dem Bademantel von Helga Beimer und der Speisekarte des "Akropolis". 

Wenn am 29. März 2020 in Folge 1.758  die Straßenlaternen angehen und der letzte Abspann läuft, werden die Kulissen und Requisiten der "Lindenstraße" längst ein neues Zuhause gefunden haben. Derzeit ist der WDR, der die Serie verantwortet, mit verschiedenen Museen im Gespräch, hieß es vom Sender. Im November letzten Jahres hatte die Fernsehprogrammkonferenz der ARD das TV-Aus für "Mutter" Beimer und Co. verkündet: zu wenig Zuschauer, zu hohe Kosten. In diesen Wochen nun werden die finalen Geschichten aus der Feder des Pfarrerssohns Hans W. Geißendörfer, der die "Lindenstraße" inzwischen gemeinsam mit Tochter Hana produziert, gedreht. Nach der letzten Klappe soll Helgas Küche nach Bonn ins Haus der Geschichte wandern und das "Café Bayer" im Technik Museum in Speyer ausgestellt werden. Die Deutsche Kinemathek in Berlin will zudem für die neue "Sammlung Lindenstraße" 373 Folgen der Serie dauerhaft in ihren Bestand aufnehmen. 

Ob auch Folge 206 darunter ist? Wohl kaum, wenn Sie mich fragen. Die Folge mit dem Titel "Das Apartment" wurde am 12. November 1989 ausgestrahlt. Der Spannungsbogen erschließt sich vermutlich nur eingefleischten Fans. Kein Hinweis auf die Ereignisse, die Deutschland in diesen Tagen bewegen. Gut, die "Lindenstraße" ist nicht die "Tagesschau" und die Folgen meist schon Monate im Voraus abgedreht. Schade, denke ich bei meiner kleinen Recherche. Das hätte mich doch mal interessiert, wie Familie Beimer vorm Fernseher sitzt und das Schauspiel im Schauspiel verfolgt. 

Seit knapp 35 Jahren - in Worten: fünfunddreißig! - gehört die Serie in vielen Haushalten zum Sonntag wie Gottesdienst und Klöße - und "Tagesschau". Nur den Mauerfall, den hat die "Lindenstraße" irgendwie verschlafen. Obwohl sie im Dezember 1989 einen "Bambi" in der Kategorie "realistische Darstellung des deutschen Alltagslebens" gewann, an das Ost-West-Thema wagt man sich erst zwei Jahre später - dann aber so richtig. Zum ersten Mal wird außerhalb der Studios gedreht. Folge 334 ist Liebesdrama und Reisedoku zugleich, untermalt von Panflötenmelodien - ein bisschen Pathos darf schon sein, ist ja die "Lindenstraße". "Heimat" verhandelt  die DDR-Vergangenheit von Blumenhändlerin Claudia - nebst einer Handvoll Klischees. Und wo die nah sind, kann der Bratwurststand nicht weit sein. Also bekommt auch der Rost am ehemaligen Grenzübergang seine Drehminute. Aber weder er noch die erwartbare Kulisse aus Plattenbau und Anbauwand können darüber hinwegtäuschen, dass es mehr Fragen gibt als Antworten. Was von Folge 334 bleibt ist eine Manon Straché in Bestform und die Einsicht: Es ist halt kompliziert. Als Deutsch-deutsches Zeitdokument sollte die Folge in der musealen Sammlung der Kinemathek nicht fehlen. 

Längst noch nicht reif für die Ablage, geschweige denn fürs Museum, ist unsere aktuelle Ausgabe. 30 Jahre nach dem Mauerfall werfen wir einen Blick zurück und schauen nach vorn. Gute Lektüre!

Unsere Themen:

  • Kirchenzeitung 1989: Papierknappheit und Zensur beschränkten lange die kirchliche Presse in der DDR. Im 40. Jahr der untergegangenen Republik werfen Angela Stoye und Michael von Hintzenstern einen Blick zurück.
  • Mödlareuth: Einst ging mittendurch den Ort eine Mauer.  Unvorstellbar und nicht zu fassen – die Lebensumstände in »Little Berlin« wühlen auch nach 30 Jahren noch auf. Uta Schäfer ist dort gewesen.
  • Die Mitte fehlt: Zum 70. Geburtstag von Axel Noack ist die Biografie des »frohgemuten Protestanten« erschienen. Warum Gemeindewachstum so schwer zu bewirken ist, erklärt der Altbischof im Gespräch mit Angela Stoye.

Außerdem:

  • Aufarbeitung: Eine Verbesserung für Opfer politischer Verfolgung in der DDR hat der
    Bundestag beschlossen. Hildigund Neubert, Vorsitzende des Bürgerbüros, spricht mit Willi Wild über die Novellierung.
  • Biblische Bilder: Die Theologische Fakultät der Universität Jena präsentiert Originallithografien
    aus Salvador Dalís Bilderzyklus zur Bibel. Ein Ausstellungsbesuch.
  • Glaubenskurs: Wie man Talente neu entdecken und nutzen kann.

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Autor:

Beatrix Heinrichs aus Jena

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