Evangelisches Bauernwerk
Kuhstall statt Freibad

Familienmitglied auf Zeit: Für zwei Wochen packt Marcel (r.) auf dem Hof von Antons (l.) Eltern mit an. Begeistert ist er von der Arbeit mit den Tieren – und von den großen Landmaschinen.
  • Familienmitglied auf Zeit: Für zwei Wochen packt Marcel (r.) auf dem Hof von Antons (l.) Eltern mit an. Begeistert ist er von der Arbeit mit den Tieren – und von den großen Landmaschinen.
  • Foto: Foto: epd-bild/Judith Kubitscheck
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In den Ferien auf einem Bauernhof mitarbeiten und ganz praktisch Einblicke in die Landwirtschaft bekommen – das versucht ein Projekt des Evangelischen Bauernwerks in Württemberg zu vermitteln. Der 16-jährige Marcel ist schon zum zweiten Mal dabei.

Von Judith Kubitscheck

Der Wecker klingelt: Zeit zum Kühe melken! Jeden Morgen steht Marcel Völlnagel um fünf vor sechs auf. Eine halbe Stunde später ist er im Stall und hilft beim Melken. Der Schüler aus Schlierbach bei Göppingen hat sich für Aktivferien entschieden: Er ist Teilnehmer von «Landleben-live», einem Angebot des Evangelischen Bauernwerkes in Württemberg, das Jugendliche ab 14 Jahren für zwei bis acht Wochen auf Bauernhöfe vermittelt. Nach eigenen Angaben ist es das größte Angebot seiner Art in Deutschland. Junge Leute können so den Alltag in der Landwirtschaft kennenlernen und erleben, wie Lebensmittel wachsen und gedeihen.
Zwei Wochen lang wohnt Marcel als Familienmitglied auf Zeit in den Sommerferien in Langenau-Göttingen bei Ulm auf dem Hof der Familie Schwarz – und packt bei der Arbeit an, die so anfällt. Er war bereits beim Füttern und Ausmisten im Kuhstall dabei. Auch das Säubern der Euter und Melken ist inzwischen kein Problem für ihn. «Das Melkzeug anbringen muss man erst mal lernen», sagt der 16-Jährige. Im vergangenen Jahr war er schon einmal mit «Landleben-live» auf einem Hof in der Nähe von Ravensburg.
Spaß macht ihm vor allem die Arbeit mit den Tieren – und bei den großen Landmaschinen mitzufahren: «Letztes Jahr saß ich sogar auf einem Mähdrescher!» Auch beim Mähen und Grubbern – also beim Auflockern des Bodens – durfte er schon auf dem Traktor mitfahren.
Claudia Schwarz und ihr Mann Martin haben den Schüler aufgenommen, weil es ihnen ein Anliegen ist, Menschen die Landwirtschaft nahezubringen: «Wir leben 24 Stunden mit Tieren und der Natur, das ist eine ganz andere Lebensart», sagt die Ingenieurin der Ernährungstechnik, die zwischen den beiden Welten Büro und Bauernhof täglich hin- und herpendelt.
Ihr Hof ist noch einer der wenigen, der mitten im Ortskern liegt. Oft leben die Bauern auf Aussiedlerhöfen am Rande von Ortschaften, und mit ihrem Wegzug nimmt auch der Kontakt der Bevölkerung zu den Bauern und zur Landwirtschaft ab, beobachtet Schwarz: «Sogar viele Erwachsene wissen nicht einmal, dass die Kuh ein Kalb gebären muss, um Milch zu produzieren.»
Ihr Sohn Anton hilft gerade seinem Vater dabei, den Kühen neue Halsbänder anzulegen, auf deren Chips die individuelle Kraftfuttermenge gespeichert ist, die jedes Tier erhält. Der Elftklässler war dieses Jahr – ebenfalls durch «Landleben-live» – auf einem Bauernhof in der Schweiz in Seewis im Kanton Graubünden. «Dort war alles ganz anders als hier», erzählt er. Wegen der steilen Hänge wurde auf vielen Wiesen mit der Hand gemäht, außerdem eine Alm auf 1700 Metern Höhe betrieben.
«Landleben-live» besteht bereits seit rund 20 Jahren, sagt Veronika Grossenbacher, Bildungsreferentin des Bauernwerks. In den zurückliegenden Jahren habe das Bauernwerk im Schnitt 70 Jugendliche jährlich vermittelt. Die gebürtige Schweizerin hat die Idee aus ihrer Heimat mitgebracht, wo bereits seit den 1950er Jahren Jugendliche in den Ferien auf Höfe vermittelt werden.
Der größte Teil der jungen Menschen komme eher aus städtischem Umfeld und wolle über die Mithilfe einen Blick von innen auf die Landwirtschaft erhalten, erklärt sie. Rund 20 Prozent der Teilnehmer nähmen im Rahmen der Berufsorientierung an «Landleben-live» teil. Unter den Jugendlichen seien einige aus anderen Bundesländern und aus dem Ausland.
Eigentlich ist es halb vier Uhr nachmittags Tradition bei Bauernfamilie Schwarz, dass alle bei einer Pause durchatmen, bevor am frühen Abend das Melken beginnt. Doch heute müssen Stachelbeerkuchen und Kaffee warten: Die Lieblingskuh von Claudia Schwarz, die am Halsband die Nummer 11 trägt und darum «die Elfer» genannt wird, hat gerade ein Kalb auf die Welt gebracht.
Mit ihrer rauen Zunge leckt die Mutterkuh ihr Kalb ab – eine Art Massage, die den Kreislauf ankurbeln und das Kalb möglichst bald auf die Beine bringen soll. Anton bringt der durstigen «Elfer» unentwegt Eimer mit Wasser zum Trinken, erst nach mehr als 60 Litern hat sie genug. Marcel schaut still zu, wie das kleine Bullenkalb im Stroh langsam zu Kräften kommt – und weiß, warum er sich für die Zeit auf dem Bauernhof entschieden hat.

(epd)

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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