Diskriminierung von Gläubigen
Christlicher Widerstand in der DDR

Roland M. Lehmann (l.) und Rainer Eppelmann
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Die Kulisse hätte nicht passender sein können: Unter dem Bild „Aufbruch der Jenaer Studenten in den Freiheitskampf 1813“ von Ferdinand Hodler in der Aula der Jenaer Universität redete Roland M. Lehmann mit Rainer Eppelmann, dem Friedensaktivisten und Minister für Abrüstung und Verteidigung in der Regierung de Maizière, über dessen Zeit als Bausoldat. „Wer als junger Mann den Wehrdienst verweigerte, musste mit Haftstrafen rechnen“, erzählt Eppelmann. Acht Monate hat er in den 1960er-Jahren für seinen Widerstand im Gefängnis gesessen. In seinem Rucksack hatte er eine Bibel, die er von Anfang bis zum Ende gelesen hat.

Von Doris Weilandt

Danach wurde er Bausoldat in der NVA, einer Truppe, die mit einfachster Ausrüstung Schwerstarbeit leisten musste. Zement abladen beispielsweise, nur mit dem Spaten und ohne Arbeitsschutz. Gerettet haben ihn die anderen Bausoldaten, Menschen mit gleicher Gesinnung. Eppelmann ist heute noch aufgewühlt: „Wir haben über unser Leben geredet“. Viele, die er aus dieser Zeit kennt, sind heute noch politisch aktiv. Für Eppelmann haben sich damals die Weichen für sein künftiges Leben gestellt. „Ich habe gelernt: Der einfachste Weg ist nicht der beste Weg für uns Menschen … Durch den Vollzug bin ich ein ganz anderer Pfarrer geworden.“

Das Theologiestudium war ihm nicht in die Wiege gelegt. Eppelmanns Eltern waren Handwerker. Im Westen Berlins besuchte er das Johannes-Kepler-Gymnasium, bis im August 1961 die Mauer gebaut wurde. „Ich war in der 11. Klasse, konnte nicht mehr zur Schule und kein Abitur machen.“ Eine Zäsur. Er arbeitete als Hilfsarbeiter bei einem Dachdecker und absolvierte schließlich eine Maurerlehre. Danach kam die Einberufung zur Volksarmee. Als er von den Bausoldaten wieder ins zivile Leben kam, studierte er Theologie an der Predigerschule Paulinum in Berlin. Als Pfarrer der Samaritergemeinde führte er „Blues-Messen“ ein, Gottesdienste, in denen Blues-bands auftraten. Das wurde die politische Heimat für viele junge Menschen, die dort Gleichgesinnte treffen konnten.

Das Gespräch mit Rainer Eppelmann war ein Höhepunkt der Tagung „Diskriminierung von Christen in den 1960er-Jahren in der DDR“, die vom Lehrstuhl für Kirchengeschichte der Theologischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena ausgerichtet wurde. Wissenschaftler stellten dort erste Ergebnisse des interdisziplinären Forschungsprojektes vor, das neben den Bausoldaten auch Totalverweigerer und Jugendliche im Widerstand in den Blick nimmt.

Walter Schilling und die Offene Arbeit

Mit dem Thüringer Thema "Walter Schilling und Offene Arbeit" beschäftigt sich Christiana Steiner, Promovendin am Lehrstuhl für Kirchengeschichte in Halle. Als Kreisjugendpfarrer war Schilling federführend am Konzept einer offenen sozialdiakonischen Jugendarbeit beteiligt. Dazu baute er in Braunsdorf ein Rüstzeitheim auf, das ins Visier der Stasi und kirchlicher Behörden geriet. Den Satz „Braunsdorf war ein Ort, wo man immer hingehen konnte“ hat Steiner in vielen Interviews mit ehemaligen Besuchern gehört. Die Initiative, die von Schilling ausging, hat immer größere Kreise gezogen. Viele, die aufgrund langer Haare, ihres Musikstils (Blues) und ihrer Lebensauffassung diskriminiert wurden, fanden seelsorgerische Beratung durch den engagierten Pfarrer. „Er hat Bausoldaten beraten und war auch bei Gerichtsverhandlungen dabei“, so Steiner. Unter seinem Schutz konnten Jugendliche ihre Ideen verwirklichen. Mit dem Festival „June 78“ in Rudolstadt schuf Schilling gemeinsam mit Pfarrer Uwe Koch eine Veranstaltungsreihe mit Kultstatus, die von Jugendlichen gestaltet werden konnte. Für Christiana Steiner war die Tagung eine gute Gelegenheit, über die bisherigen Forschungsergebnisse zu sprechen.

Die Frage der Diskriminierung von Christen in der DDR, die sich nicht auf die evangelische Kirche beschränkt, wird die Wissenschaftler um Lehrstuhlinhaber Christopher Spehr noch Jahre beschäftigen.

Roland M. Lehmann (l.) und Rainer Eppelmann
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