Wort zur Woche
Zwischen Gemeindebüro und Sewansee

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 Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.
1. Johannes 3, Vers 8 b

Seine Reise führte Simon auch nach Nagorni Karabach, den schwarzen Garten. Verlockend, fruchtbar und wunderschön. Doch alles war menschenleer, die Häuser standen gespenstisch am Straßenrand.
Nur Shanti werkelt in ihrem Vorgarten. Von ihr erfährt er, was hier während der 44 Tage Krieg passiert war. Auch ihre Tochter Anush mit den vier Kindern war geflohen. Zum Sewansee in ein Flüchtlingslager. Simon schnitt es ins Herz. Dorthin musste er fahren.
Es kommt nicht mehr dazu. Anna bittet ihn, dringend nach Deutschland zurückzukommen, weil die Schließung der Grenzen erwogen wird. Seit Wochen ist sie mit den beiden Mädchen allein und kann das Gemaule nicht mehr ertragen. Sechs weitere Tage, als Simon am Frankfurter Flughafen in Quarantäne muss. Dann steht er in der Tür.
Ein Aufschrei und die Mädchen hängen an ihm. Als sie endlich im Bett liegen, öffnet Simon eine Flasche Wein für sich und Anna. Sie stoßen an, und er sieht ihre Müdigkeit.
Dann fängt er an zu erzählen. Von Shanti und von all dem Elend, das er gesehen hat. Als er zu Anna schaut, erschrickt er. Da sitzt kein Mensch, ihr Kopf fehlt. Ihre Hose, als ob sie drinsteckte, darauf ihr Sweater mit der Kapuze. Simon möchte schreien.
Er läuft hinaus auf die Straße, trotz Sperrstunde. Heftig atmend zieht er sich eine von den letzten armenischen Zigaretten aus der Tasche. Wie besinnungslos läuft er durch die Stadt. Ohne Maske. Als er heimkommt, räumt Anna die Spülmaschine aus. Er will sie umarmen. „Rühr mich nicht an!“, zischt sie.
Am nächsten Morgen geht Simon ins Gemeindebüro. Er will Unterstützer für das Flüchtlingslager gewinnen oder wenigstens einen Spendenaufruf starten. „Das Gemeindebüro stellt aufgrund der Pandemie bis auf Weiteres den Besucherverkehr ein“, ist an der Tür zu lesen. Er klingelt. Niemand öffnet. Simon sieht Shantis Augen vor sich und geht traurig nach Hause.
Wenigstens hat der Teufel diesmal nicht mit Bibelzitaten gekontert.

Pfarrerin Jutta Noetzel, Reformierter Kirchenkreis, Halle

Senior Jutta Noetzel
Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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