Unruhestifter, Ruhepol

Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge.
Johannes 18, Vers 37 c

Von Christoph Enders

Raus – rein! Und wieder raus – und wieder rein! Pilatus ist ordentlich in Bewegung. Draußen einige Mitglieder des Synhedriums, die wegen des Sabbats nicht ins Gericht gehen dürfen. Drinnen im Prätorium das Verhör von Jesus. Am Anfang wirkt Pilatus noch wie ein moderner Pendeldiplomat auf der Suche nach Wahrheit und Ausgleich. Am Ende winkt er, schwer aus der Puste, nur ab: »Was ist, was interessiert mich die Wahrheit!« Und er macht kurzen Prozess.
Einige Mitglieder des Hohen Rates (nicht »die Juden«!) warten draußen. Ist Jesu Tod schon lange »beschlossene Sache« (Johannes 11,47) oder hat die Tempelreinigung das Fass zum Überlaufen gebracht? Auf jeden Fall ist jetzt taktisches Geschick gefordert. In der kurzen Zeit, die Pilatus bei ihnen draußen ist, müssen sie die Stimmung ordentlich anheizen. Nebulöse Andeutungen und geschickt gesäte Zwietracht sind bewährte Mittel. Die Wahrheit aber ist: Kritik am Tempelbetrieb gab es damals überall.
Mitten im Getümmel steht Jesus. Er, der eigentliche Unruhestifter, erscheint als Ruhepol. Er, um den sich alles dreht, steht ruhig, beinahe gelassen an seinem Ort.
»Mein Reich ist nicht von dieser Welt« und doch bin ich hier am richtigen Ort, scheint er zu sagen.
Es geht nicht um Machterhalt durch taktisch kluges Agieren. Es geht um Wahrheit. Das hebräische Wort für »Wahrheit« – emet – meint so viel wie »Verlässlichkeit« oder »Treue«. Die Wahrheit ist, dass ein »Gerechter bei Gott« im menschlichen Leben durchaus nicht immer Recht bekommt. Oft muss ein Gerechter leiden. Und doch kann er darauf vertrauen, dass Gott ihm die Treue hält. »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben«, sagt Jesus. Mit und an mir soll für jeden die Treue Gottes, die über den Tod reicht, erkennbar werden.
Im Hin und Her stehen letztlich auch wir als Leser. Bis heute findet sich das Pilatus-System, die staatlich legitimierte Form von Willkür. Daneben gelten aber, Gott sei Dank, auch Recht und Gesetz. Mich beeindruckt die Ruhe und Gelassenheit von Jesus. Er hat seinen Weg gefunden. Indem er sich allein an Gott bindet, wird er frei von allen anderen Bindungen und Gefängnissen. »Unter deinem Schirmen, bin ich vor den Stürmen aller Feinde frei …« Gott ist treu.

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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