PredigtGott ist fern und nah

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Aber gehe ich nach Osten, so ist er nicht da; gehe ich nach Westen, so spüre ich ihn nicht. Hiob 23, Vers 8

Bruder Hiob, ich höre dein Seufzen. Es kommt mir bekannter vor als mir lieb ist. „Gehe ich nach Osten so ist er nicht da. Gehe ich nach Westen, so spüre ich ihn nicht.“ Dein Weg, Hiob, ist schwer, dein Herz mutlos. Du greifst aus nach Gott und greifst ins Leere.

Von Stefan Körner

Ich möchte dir zurufen, Bruder, mit geborgten Worten: „Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, wohin fliehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel – so bist du da. Bettete ich mich bei den Toten – siehe, auch da bist du.“ So singt der Psalmist, so klingt sein Vertrauen.

Doch ich weiß: dein Schrei ist ehrlich. Dein Schrei macht dich nackt. An Trostpflaster klammerst du dich nicht. Dein Gott ist dir zu groß, zu fern, zu schrecklich nah. Du wagst es, ihm zu widersprechen. Du wagst es, ihn anzuzweifeln, dein Recht einzufordern.

Und ich – zwischen deiner Klage und dem Psalm – muss lernen, in der Spannung zu leben. Mal bin ich bei dir, Bruder Hiob, fühle die Abwesenheit Gottes, das Gewicht seiner Hand. Mal singe ich mit dem Psalm: „Finsternis ist nicht finster bei dir, die Nacht leuchtet wie der Tag.“

Vielleicht ist das unser Weg: nicht entscheiden zwischen Klage und Trost, sondern beides zu halten, im selben Atemzug. Gott lässt sich nicht fassen – aber suchen, anklagen, besingen.

So bleibe ich bei dir, Bruder Hiob. Und ich bleibe bei dem Psalmisten. Zwischen „Du bist nicht dort“ und „Siehe, dort bist du auch“ atmet mein Glaube. Und wenn ich atme, ahne ich: Glaube ist kein Besitz, sondern Weg. Ein Weg zwischen Fragen und Antworten, zwischen Schweigen und Lied, zwischen deiner Klage, Bruder, und dem Trost der Psalmen. Ein Weg, der nicht in Gewissheit endet, sondern in der Nähe dessen, der uns sucht, wenn wir ihn nicht finden. Darum danke ich dir, Bruder Hiob, dass du mich lehrst zu klagen. Und dir, Psalmist, dass du mich lehrst zu singen. Beides zusammen ist mein Gebet. 

Der Autor ist Pfarrer in Gera.

Pfarrer Stefan Körner | Foto: Foto: S. Körner
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Online-Redaktion

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