Predigttext
Große Worte, leere Hülsen

So seht ihr nun, dass der Mensch durch Werke gerecht wird, nicht durch Glauben allein.
Jakobus 2, Vers 24

Noch hallen die großen Worte durch den Raum: von Gleichheit und Freiheit der Menschen, von nicht veräußerlichen Rechten und Menschenwürde. Doch während des Redens wird wohl differenziert zwischen Einflussreichen und Unbedeutenden, Wohlhabenden und Prekären, Leistungsfähigen und Beeinträchtigten, Gebildeten und Bildungsfernen. Dieser Status ist das heimliche Hauptkriterium des Handelns und führt alltäglich zu Diskriminierung. Gleichzeitig wird das Gegenteil permanent laut wiederholt.
Gleiche Rechte und Lebenschancen für alle, aber bitte keine Armutsflüchtlinge und schon gar nicht in meiner Wohngegend oder der Schulklasse meiner Kinder. Gleichberechtigung der Geschlechter, aber du musst dich gut einsortieren lassen in die Rollenschubladen. Inklusion und Vielfalt unbedingt, aber ein Kind mit genetischer Besonderheit muss doch bei heutigen Untersuchungsmöglichkeiten nicht sein.
Große Worte erstarren zu leeren Hülsen und verlieren ihre Bedeutung. Sie sterben ab, während die Ungerechtigkeit weiterlebt. Was nützt es, zu reden und nicht entsprechend zu handeln? „Was soll das bringen, zu sagen ›Ich glaube!‹, aber nicht danach zu handeln?“, seufzt der Schreiber des Jakobusbriefes schon vor fast zweitausend Jahren.
„Ihr redet nur, und nichts ist dahinter, lauter leere Worthülsen und Phrasen“. Diese Beobachtung, die er in der Gemeinde macht, quält Jakobus. „Ihr segnet die Benachteiligten mit großer Geste und sagt: ›Geht hin in Frieden! Wir wünschen euch, dass ihr euch ausreichend kleiden und satt essen könnt!‹ Und schickt sie hungrig und nackig davon.“
Solche Glaubensworte sind tot. So tot, dass sie schon den beißenden Leichengeruch des Sarkasmus und des Hohns verströmen. Segensworte und Wünsche, die sich als Tritte entpuppen. Die ohnehin Nackten werden noch zusätzlich beschämt.
Und wenn ich sage: „Ich glaube an einen Gott, der alle Menschen geschaffen hat und zur gleichen Freiheit und Verantwortung beruft?“ Was muss ich dann hier und jetzt und mit meinen Mitteln tun, damit diese Worte nicht zur stinkenden toten Hülse werden? Ich muss mich fragen: Passen mein Glauben und mein Leben, mein Reden und mein Tun zusammen?
Johanna Fabel

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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