Wort zur Woche
Die Kraft der Verheißung

Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.
Sacharja 9, Vers 9

Von Alf Christophersen, Theologieprofessor, Wuppertal

Mit dem Advent wird vierstimmig zur Musik von Händel die Kraft messianischer Verheißung beschworen: »Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem! Sieh, dein König kommt zu dir, ja, er kommt, der Friedefürst. Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem!« Auch im Stillen erklingt jetzt allein bei der Lektüre dieser Gesangbuchzeilen der Chor im Inneren. Eine gewisse Wehmut bleibt selten aus, weil sich stets aufs Neue der Kontrast zur eigenen Gegenwart aufdrängt. Es sind messianische Zeiten, die Sacharja ankündigt. Der Prophet hat allerdings ein Problem, denn er versteht die ihm widerfahrenden Visionen nicht. Doch ein Engel eilt zur Hilfe und interpretiert: der Deuteengel. Er gehört zum himmlischen Hofstaat und ist hierarchisch den Erzengeln untergeben. Gott ist um das Wohlergehen der Menschen besorgt und kümmert sich darum, dass sein Wille auch verstanden wird. Die Heilsbotschaft Sacharjas verhallt nicht ungehört und wird durch das Zitat in den Evangelien dann auf die Verkündigung Jesu als Erlösergestalt ausgerichtet: »Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn!« (Markus 11,9)
Der Philosoph Walter Benjamin wusste um das Potential, das vom messianischen Denken ausgeht, und aktualisierte es in geschichtstheoretischen Reflexionen. In seinen postum veröffentlichten Thesen »Über den Begriff der Geschichte« beschreibt Benjamin die bleibende Schwierigkeit, das einst Gewesene zu erfassen, denn: »Das wahre Bild der Vergangenheit huscht vorbei.« Es ist nur ein augenblickhaftes Aufblitzen, in dem ein Erkennen möglich ist. Wenn aber in der Gegenwart gar nicht erfasst wird, dass sie im Vergangenen gemeint sein könnte, verschwindet das Bild auf unwiederbringliche Weise. Benjamin benennt einen Punkt, der für messianische Prophetie entscheidend ist: Wenn es nicht gelingt, die Erinnerung an diese wachzuhalten, wird sie eines Tages verklingen und aus dem Bewusstsein verschwinden. Unter dieser Perspektive ist es also umso wichtiger, auch im mehrstimmigen Gesang die Kraft des Messiasgedankens Jahr für Jahr Realität werden zu lassen.

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