Der Tag, an dem ich Sohn wurde

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Gott, der Vater: Michael Stahl war Personenschützer. Sängerin Nena, Basketballer Dirk Nowitzki oder der Papst standen unter seinem Schutz. Über den Schutz Gottes und was das mit seinem Vaterbild zu tun hat, erzählt er hier.
Von Michael Stahl

Bis zu meinem 37. Lebensjahr wollte ich es der Welt unbedingt zeigen. Vor allem meinem Vater. Ich habe mich ein Leben lang für ihn geschämt. Wollte ihn verändern, denn so, wie er war, hat er mir nie gepasst. Doch bei allem, was ich tat und sagte, wurde es nur schlimmer. Ermahnte ich ihn, weniger zu trinken, trank er noch mehr. So war es in vielem: Er machte meistens das Gegenteil.
Eines Abends sah ich ihn angetrunken auf der Straße. In meinem Herzen spürte ich, dass er nicht mehr lange zu leben hatte und ich endlich Frieden schließen sollte. Anschließend lag ich nächtelang wach im Bett und grübelte, wie man wohl Frieden schließt. Ich hatte ehrlich gesagt keine Ahnung. Als Inhaber eines Sicherheitsdienstes war ich für den friedlichen Ablauf von Veranstaltungen mit Tausenden von Menschen verantwortlich. Wie man aber Frieden mit seinem Vater schließt, den ich jahrelang nur als »Erzeuger« betitelte, wusste ich nicht. Bis ich eines Nachts träumte, dass mein Vater gestorben wäre. Es war der schlimmste Traum meines Lebens.
Am nächsten Morgen wusste ich, was ich zu tun hatte. Endlich. Es war einer der schwersten Wege meines Lebens. Meine Beine waren schwer wie Blei. Mir war nicht wichtig, wie er reagieren würde, sondern nur, was ich zu tun hatte. So stand ich nun in der kleinen, schäbigen Bude meines Vaters. Gott nahm mir diesen Weg nicht ab. Aber ich war nicht allein.
»Papa, ich hab dich lieb – und bitte vergib du mir.« Dieser Satz veränderte mein ganzes Leben – und seines gleich mit. Gott hat uns nie aufgefordert, Menschen zu verändern. Jesus hatte einfach folgende Bitte an uns: »Ein neues Gebot gebe ich euch: Habt einander lieb, wie ich euch liebe!« Aus dem Erzeuger wurde mein Papa. Ich legte meine Maske ab und war nun der, der ich wirklich war. Ein Mann, der Probleme mit Gott, dem Vater, hatte, weil sein eigener Vater verletzend war. Ich werde nie vergessen, wie mein Vater mich fragte, warum ich zu ihm gekommen war. Ich erklärte ihm, dass ich ihn liebte, so, wie er ist. Unter Tränen sprach er mir nach 37 Jahren seine Liebe zu und bat selbst um Vergebung. An diesem Tag wurde ich Sohn.
Ich hatte noch drei wunderschöne Jahre mit meinem Papa. So durfte ich erleben, dass nur, wer sich selbst liebt, auch andere lieben kann. »Tue das, so wirst du leben« – diesen Satz bezog Jesus auf diese drei Arten der Liebe: sich selbst, den Nächsten und Gott. Aufgrund meiner eigenen Geschichte kam ich zu folgenden Erkenntnissen:
Nehmen Sie Gottes Vergebung an. Keiner kann sich selbst durch Taten erlösen. Manches Mal schon saß ich am Bett Sterbender, die sich mit Schuld plagten – vor allem mit den Dingen, die sie nie getan hatten. Sie konnten in Anbetracht des nahenden Todes nichts mehr tun. Doch Christus hat alles getan, was wir nie tun können.
Vergeben Sie sich selbst. Wenn Gott Ihnen vergeben hat, dann dürfen Sie es sich selbst auch. Es wird dann leichter und bereitet Ihnen den Weg, sich selbst mehr lieb zu haben – und somit auch Ihre Mitmenschen.
Vergeben Sie allen Menschen, die Ihnen wehgetan haben. Meine Frau und meine Tochter überlebten 2010 einen schweren Verkehrsunfall, verursacht durch einen jungen Mann. Unsere Freundin kam dabei ums Leben. Ich vergab diesem jungen Mann; nicht, damit er frei war, sondern weil ich kaum noch Kraft hatte, weiterzuleben. Ich wollte keine Energie mehr damit verschwenden, wütend zu sein oder ihn gar zu hassen. Ich vergab, damit ich frei war.
Um Vergebung bitten. Diese Bitte ist entwaffnend. Sie werden erleben, dass Sie damit niemanden wegtreiben. In dieser Bitte steckt wahre Größe.
Auf dem Grabstein meines Papas steht übrigens »Gott ist Liebe«. Diese Liebe veränderte ihn und mich.

Auszug aus: Tschage, Tina: Gott, mein Nächster und ich, SCM/R. Brockhaus, 208 Seiten, ISBN 978-3-417-26822-5, 14,95 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchen­zeitung: Telefon (0 36 43) 24 61 61

Beschützerrolle: Der Autor als Bodyguard von Muhammad Ali
Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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