Neues Buch von Katja Hoyer
Weltgeschichte vor der Haustür
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Die Geschichte beginnt im Sonnenschein. Einer der Protagonisten, der Schreibwarenhändler Carl Weirich, übernimmt 1914 einen Laden in der Altstadt von Weimar, um sich etwas aufzubauen. Er ist voller Zuversicht. Weirich ist eine reale Person. Anhand seines Tagebuchs konnte Katja Hoyer sein Leben rekonstruieren, erfahren, wie er, der sprichwörtliche „kleine Mann“, die großen Umbrüche der Gesellschaft erlebt hat: das Ende des Ersten Weltkrieges, die Weimarer Republik, die Hyperinflation, den aufkommenden Nationalsozialismus.
Von Doris Weilandt
Carl Weirich ist die zentrale Figur. Dazu kommen authentische Positionen der jüdischen Hotelbesitzerin Rosa Schmidt, von Elisabeth Förster-Nietzsche und Harry Graf Kessler und weiterer Weimarer Bürger. Hoyer, Historikerin und derzeit am King’s College in London tätig, verwebt ihre Geschichten mit historischen Ereignissen, die sich Jahr für Jahr von 1919 bis 1939 zugetragen haben. "Weimar" ist ihre dritte Buchveröffentlichung. Zuletzt erschienen ist ihr Band »Diesseits der Mauer. Eine neue Geschichte der DDR«, in dem sie einen neuen Blick auf das Leben in der DDR wirft. „Glanz und Grauen der deutschen Geschichte“, so der Untertitel des neuen Buches, sind in Weimar wie unter einem Brennglas beieinander.
„Weimar ist Deutschland in nuce“, in einer Nussschale. Das hat Bundespräsident Roman Herzog anlässlich der Eröffnung des Kulturstadtjahres in Weimar 1999 gesagt – und Hoyer zeigt, wie trefflich diese Beobachtung ist. Der „Geist von Weimar“, der 1919 die Gründung der Republik ebenso anlockt wie Walter Gropius und das Bauhaus, ist zu dieser Zeit bei genauer Betrachtung von Konservatismus und Nationalismus getragen. Viele Weimarer kaufen sich Karten für die Sitzungen der Nationalversammlung im Theater in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Ab Mitte der 1920er-Jahre wird die Stadt zum Zentrum der Nationalsozialisten.
Thüringen hatte das Verbot der NSDAP als erstes Bundesland aufgehoben. Von Weimar aus bauen sie ihre Bewegung neu auf. Die Brutalität, mit der die Schlägertrupps alles niederprügeln, was sich ihnen in den Weg stellt, verbreitet Angst und Schrecken unter der Bevölkerung – und die Gewöhnung an die Verbrechen. Baldur von Schirach, Sohn des Weimarer Theaterintendanten Carl von Schirach, steigt zum Reichsjugendführer auf. Immer bedrückender wird der Grundton des Buches. Mit welcher Gleichgültigkeit die Bevölkerung die Menschen-Transporte nach Buchenwald wahrnimmt, die am Bahnhof mitten im „normalen Leben“ ankommen, ist erschütternd.
Katja Hoyers besondere Stärke zeigt sich in diesem Buch. Es ist die Authentizität, mit der sie die handelnden Personen beschreibt. Nach 1945 haben viele Weimarer gesagt, sie hätten nichts von Buchenwald gewusst. Die Autorin schildert präzise, dass die Barbarei auf dem Ettersberg längst zum Alltag gehörte und viele – von der Stadtverwaltung bis zu Unternehmen – als Ermöglicher in das System involviert waren.
„Wegschauen eröffnet Spielräume“, resümiert Katja Hoyer. Das ist die Lehre, die wir spätestens jetzt verinnerlichen sollten.
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Hoyer, Katja: Weimar. Glanz und Elend der Deutschen Geschichte. Hoffmann und Campe, 592 S., 28 Euro, ISBN 978-3-455-02158-5
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Autor:Online-Redaktion |
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