Rezension
Von Heimatverlust und Ostalgie im Westen

Foto: ullstein.de/verlage/propylaeen

Der 1994 in Berlin geborene und seit 2022 in Leipzig ansässige Zeit-Journalist August Modersohn will erkunden, wie sich Deutschland seit 1990, dem Jahr der Wiedervereinigung, bis heute verändert hat.

Von Joachim Goertz

Dazu bereist er unter anderem Neustadt bei Coburg, Pforzheim, Görlitz, Eging am See, Goslar, Duisburg, Halle, Hannover, Freiburg, Dresden, Neuss, Prora und Sonneberg. Er trifft bekannte Politiker im Ruhestand wie Siegmar Gabriel, Rita Süßmuth und Marianne Birthler. Er telefoniert mit Jan van Aken und unterhält sich mit Wissenschaftlern.

Vor allem aber begegnet er Menschen vor Ort, die sich in ihrem Lebens- und Arbeitsumfeld politisch und gesellschaftlich engagieren und die die Auswirkungen der Veränderungen der letzten 35 Jahre hautnah spüren. Sein herausragendes Fazit: Auch die alte Bundesrepublik ist nicht mehr das, was sie war. Deutschland ist insgesamt ein anderes geworden.

Nun mag dieses Fazit banal erscheinen, zumal die Fragestellung und der Fragesteller ja eher auf subjektive Befindlichkeiten freilich objektiver Entwicklungen abhebt. Gleichwohl liefert er höchst interessante Einblicke in das gegenwärtige Stimmungsbild der Deutschen. In gewisser Weise bestätigt er nebenbei die These von Ilko-Sascha Kowalczuks Buch "Freiheitsschock", dass Ostdeutschland eine Entwicklung vorausnehme, die irgendwann auch den Westen Deutschlands erreichen werde.

Natürlich ist so eine Reportage weder eine soziologische Doktorarbeit, noch eine umfassende Analyse des deutschen (un)demokratischen Bewusstseins. Dennoch berührt das Buch viele aktuelle Streitfragen, darunter Alltagsrassismus von Halle bis Freiburg, Feminismus in Ost und West, Wirtschaftstransformation in Duisburg, in der Lausitz und in Görlitz. Auch das Verhältnis zu USA und Russland wird thematisiert und nicht zuletzt auch der alltägliche Umgang mit der AfD und ihren Anhängern.

Der Leser erfährt interessante Details, so zum Beispiel, dass Pforzheim ein DDR-Museum und viele russlanddeutsche AfD-Wähler beherbergt. Dass in Freiburg nicht nur reiche Grünen-Wähler, sondern auch viele Sinti wohnen. Und dass Halle neben einem zukünftigen europäischen Transformationszentrum sich auch mit Rassismus auseinanderzusetzen hat. Modersohn beschreibt auf einem "Mammutmarsch" den Strukturwandel in Duisburg und der Lausitz, wo dieser nicht nur Arbeitsplatzverlust, sondern auch Heimatverlust bedeutet. Wenn er die Ängste der Menschen anspricht, scheint der Autor allerdings einen sehr eindimensionalen, oberflächlichen Blick zu haben: Als es um die neue Waffenfabrik in Görlitz geht, fällt Modersohn auf, "dass sich unter denjenigen, die etwas gegen die Fabrik haben, gar nicht unbedingt nur Fans von Putin finden, sondern auch eher Menschen, die Angst vor ihm haben".

Modersohn, August: In einem neuen Land. Eine deutsche Reportage, Propyläen Verlag, 240 S., 24 Euro, ISBN 978-3-549-11014-0

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